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ARD-Dossier zum amerikanischen Feldzug : Der Krieg, der immer neue Feinde produziert

Die Amerikaner kamen und schossen, aus den Leichen schnitten sie die Kugeln heraus: Der Reporter Jeremy Scahill rekonstruiert im afghanischen Gardez, was geschah Bild: NDR/Richard Rowley

Im Namen des Kampfs gegen den Terror üben die Vereinigten Staaten selbst Terror aus. In diesem „Geheimen Krieg“ spielt Deutschland eine wichtige Rolle. Ein ARD-Dossier beleuchtet seine Facetten.

          Wofür hat Barack Obama 2009 eigentlich den Friedensnobelpreis bekommen? „Für seine außergewöhnlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit zwischen Völkern zu stärken.“ Nicht erst vier Jahre später klingt die Begründung des Nobelkomitees wie Hohn. Denn dieser amerikanische Präsident ist nicht die Friedenstaube, für welche man ihn schon damals nicht halten musste.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Er ist der Feldherr eines geheimen, eines schmutzigen Kriegs, der als Kampf gegen den Terror ausgegeben wird, in Wahrheit aber Terroristen erst produziert. Mindestens die Hinterbliebenen der zu Tausenden zählenden zivilen Opfer in Afghanistan und Pakistan, im Irak und im Jemen oder in Somalia können in den Vereinigten Staaten nichts anderes mehr als das Reich des Bösen erkennen.

          Eine späte Entschuldigung

          Amerika sei „ein Lehrer, ein großer Lehrer“, sagt ein somalischer Bandenchef in der Reportage „Schmutzige Kriege. Die geheimen Kommandoaktionen der USA“ von Jeremy Scahill. Ein Lehrer in moderner Kriegsführung, meint der Warlord. Und wie der aussieht, wer ihn führt, wer die Befehle gibt, das fand der Reporter Scahill heraus. Er reiste nach Gardez im Süden Afghanistans, wo im Februar 2010 bei einem nächtlichen Überfall amerikanischer Truppen eine ganze Familie getötet wurde und die Soldaten versuchten, ihre Spuren zu verwischen, indem sie mit Messern die Kugeln aus den Leichen entfernten.

          Er später, nachdem ein Reporter der „Times“ für seinen zutreffenden Bericht von der Nato verleumdet worden war, entschuldigte sich der Kommandeur bei der Familie. Das sollte selbstverständlich geheim bleiben. Es sollte auch nicht bekanntwerden, wer sich da entschuldigte: General William McRaven, Kommandeur von JSOC (Joined Special Operations Command), der Truppe, die in der ganzen Welt gezielte Tötungen ausführt.

          Präventiv-Ermordung eines Sohnes

          Ihr Einsatz wurde erst so richtig publik, als Soldaten der JSOC im Mai 2011 Usama Bin Ladin im pakistanischen Abbottabad liquidierten. Doch nicht nur dort schlägt die Einheit zu, die direkt dem Präsidenten untersteht. Inzwischen soll sie in 75 Ländern agieren. Im Jemen war sie hinter dem Prediger Anwar al Awlaki her, dessen Tod Obama im September 2011 ebenfalls als großen Erfolg im Kampf gegen den Terror ausgab.

          Getötet wurde wenig später aber auch der sechzehnjährige Sohn des Predigers - für das, was er eines Tages vielleicht tun würde, meint der Reporter. Er reist auch an den Ort eines Raketenangriffs der Amerikaner im Jemen, bei dem im September 2009 46 Menschen getötet worden sein sollen, allesamt Zivilisten, Frauen und Kinder. Ihre Körper wurden förmlich zerrissen. Der erste einheimische Reporter, der davon berichtete, wurde ebenfalls verleumdet und kam ins Gefängnis.

          Menschenjagd als „normaler Job“

          So geht es weiter und fort. Informationen werden gesammelt, Ziele ausgemacht, Drohnen entsendet und massenhaft Unschuldige getötet. „Der Krieg gegen den Terror produziert neue Feinde“, sagt der Reporter Scahill. Neue und neue. Zuerst hast du eine Liste mit ein paar Zielen, dann stehen dort plötzlich dreitausend Namen, sagt ein ehemaliger Elitesoldat, der ausstieg.

          Dass dieser Terrorkrieg auch von Deutschland aus geführt wird, legt John Goetz in der „Panorama“-Reportage „Geheimer Krieg“ dar. Die Drohnenkrieger sitzen in Stuttgart und Ramstein. Eine ehemalige Soldatin, die sich heute als „Gothic Model“ verdingt, erzählt ganz locker, wie das sei, mit einer „Hellfire“-Rakete Menschen zu töten: „Es ist ein ganz normaler Job. Man arbeitet von neun bis fünf, geht nach Hause und vergisst die Arbeit.“ Und die Getöteten? „Sie sterben für unsere Sicherheit, für alle, die Sicherheit brauchen.“ Sicherheit für die Menschen in den Zielgebieten gibt es nicht.

          Zu Besuch beim BND

          Die bizarre junge Dame erzählt nicht ohne Stolz, dass sie ein „As“ gelandet habe - fünf Abschüsse heißt das. Der ehemalige Soldat Brandon Bryant, den Reinhold Beckmann in seiner Talkshow zu Gast hatte, sieht das anders: „Wir haben Infrarotkameras und sehen in Videofeeds, was passiert. Diese Videos haben keine besonders gute Qualität, aber man sieht, was Menschen machen, wie sie sich bewegen, was sie tun. Gesichter erkennt man nicht, aber man sieht genug Details, um zu wissen: Das sind Menschen.“

          Jedwede Information, wie sie die NSA, der britische Geheimdienst, aber auch der BND, dem John Goetz in Berlin einen unwillkommenen Besuch abstattet, liefern, kann für solche gezielten Tötungen dienen. Das sagte ein Sicherheitsberater der amerikanischen Regierung. Zu Diensten ist auch die in Wiesbaden ansässige Firma CSC, die geheime Gefangenentransporte für die Amerikaner organisiert hat, aber auch für Bundesministerien arbeitet.

          Deutschland spielt im „Krieg gegen den Terror“ als Operationsbasis eine wichtige Rolle. „Diese Geschichte hat kein Ende“, sagt Jeremy Scahill in seinem Film. Sie verwandle sich in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Es ist die Prophezeiung eines Krieges, der nicht endet, der fortlaufend unschuldige Opfer fordert und neue Gegner gebiert.

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