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ARD-Dokus zum Jubiläum : Aus dem Jahrhundertleben des Willy Brandt

Willy Brandt Bild: Konrad R. Müller/ARD

Seine Kanzlerschaft war relativ kurz, zeichnete sich aber durch eine enorme Dichte an weltpolitischen Großereignissen aus: Zum hundertsten Geburtstag wird Willy Brandt im Ersten mit einer Doku und einer langen Nacht gefeiert.

          Kanzler der Bundesrepublik Deutschland war Willy Brandt vom 21. Oktober 1969 bis zum 7. Mai 1974. Kürzer im Amt als er waren unter den bisher acht Regierungschefs seit 1949 lediglich Ludwig Erhard und Kurt Georg Kiesinger, die es auf knapp über und knapp unter drei Jahre brachten.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese beiden stehen auch ganz am Ende einer jüngst vom Magazin „Stern“ veröffentlichten Meinungsumfrage nach dem „bedeutendsten Kanzler“ der Republik. Brandt, für den achtzehn Prozent votierten, nimmt hier den dritten Rang ein, knapp vor Helmut Kohl, aber hinter Konrad Adenauer und dem mit fünfundzwanzig Prozent an der Spitze liegenden Helmut Schmidt.

          Willy Brandts relativ kurze Kanzlerschaft geht mit einer enormen Dichte real- und symbolpolitischer Großereignisse einher, die ihrerseits im Jahr 1970 kulminieren: die Treffen mit dem DDR-Ministerpräsidenten Stoph im März in Erfurt und im Mai in Kassel, die Verträge mit der Sowjetunion und mit Polen im August und Anfang Dezember, am 7. Dezember der Kniefall vor dem Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Getto.

          Die Höflichkeit des Herzens

          Dass der Filmemacher André Schäfer just diese symbolträchtigste Geste in Brandts Werdegang genau in die Mitte seiner neunzigminütigen „Erinnerungen an ein Politikerleben“ setzt, zeugt von Gespür - und angemessener Emphase. Auch die Auswahl von Zeitzeugen und Weggefährten, mit deren Hilfe Brandts Jahrhundert-Vita von der Lübecker Kindheit bis zum Tod am 8. Oktober 1992 Revue passiert, ist aller Ehren wert.

          Eine tief berührende Überraschung ist dabei die nun achtundneunzig Jahre alte Holländerin Elisabeth Fisher-Spanjer. 1934 begegnete sie Brandt erstmals bei einem klandestinen Treffen junger Sozialisten. Fast achtzig Jahre danach erzählt sie, wie haarscharf der bereits im norwegischen Exil weilende Brandt damals der Gestapo entging - und wie sie ihn sofort bewunderte für eine Eigenschaft, die sie „die Höflichkeit seines Herzens“ nennt.

          Tief berührende Weggefährtin: Brandts heute achtundneunzig Jahre alte Jugendfreundin Elisabeth Fisher-Spanjer

          Naturgemäß können auch neunzig Minuten nicht hinreichen, um die Stationen von Brandts Wirken und die zentralen Aspekte seiner Wirkung ausführlich in Szene zu setzen. Abbreviaturen sind nötig. Unnötig schwer aber macht es André Schäfer dabei vor allem jüngeren Zuschauern, indem er ihnen so manche Einordnung schlicht schuldig bleibt - die putschartige Polemik gegen Brandt etwa, in die der damalige SPD-Fraktionschef Herbert Wehner 1973 ausgerechnet bei einem Besuch in Moskau ausbricht, bleibt in diesem honorigen Filmporträt ebenso ohne erläuterndes Fundament wie die Arbeit der sozialdemokratischen Wählerinitiative um Günter Grass, der übrigens nicht ein einziges Mal erwähnt oder gezeigt wird.

          Die Vorkenntnisse, die Schäfer voraussetzt, kann man nachholen in der „langen Willy-Brandt-Nacht“, die das Erste im Anschluss sendet und für die es aus dem opulenten Füllhorn der ARD-Archive schöpft. Die Ära Brandt fiel genau in die Zeit des Übergangs von einer ausschließlich schwarzweißen in eine farbige Bilder- und Fernsehwelt - auch eine markante Zäsur für unsere Wahrnehmung dieser jüngsten Vergangenheit. Dass Brandts weltpolitisch singuläre Rolle aktuelle Meinungsumfragen über seine Bedeutung bleibend hinter sich lässt, kommt hinzu. Morgen, am 18. Dezember, wäre er hundert geworden.

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