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Doku über Honeckers Geheimplan : Arbeitslager für Zehntausende?

  • -Aktualisiert am

Bei den Kerkermeistern: Untersuchungshaftanstalt des MfS in Erfurt Bild: rbb/Scoopfilms

Eine Dokumentation zeigt, wie die DDR-Staatsmacht gegen Kritiker vorgehen wollte. Sie sollten alle ins Gefängnis. Das war „Honeckers unheimlicher Plan“. Doch er hatte nicht mit den DDR-Bürgern gerechnet.

          Erich Mielkes Geheime Kommandosache vom Juli 1967, die nie zum Einsatz gekommene „Direktive 1/67“, ist es wahrlich wert, genauer in Augenschein genommen zu werden. Allein die Einleitung zu diesem im Online-Archiv stasi-mediathek.de einsehbaren Schriftstück, das die Aufgaben des Ministeriums für Staatssicherheit im Verteidigungsfall regelt, umfasst mehrere Seiten. In vollendeter Politbüropoesie werden die „aggressiven Machenschaften der imperialistischen Kräfte“ angeprangert, um dann in einem erschreckend aktuell wirkenden Schlenker alle Demonstrationen, Aufstände und Putschversuche auf den „raffinierten Gegner“ zurückzuführen.

          Mielke brachte es freilich nicht über sich, seinem Lieblingsfeind allzu große Erfolgsaussichten zuzugestehen: „Die Bonner Generalität hegt in diesem Zusammenhang die illusionäre Absicht, die Deutsche Demokratische Republik und andere Staaten des sozialistischen Lagers unter Ausnutzung bzw. durch die Entwicklung von Bürgerkriegssituationen ohne Kernwaffeneinsatz zum Zusammenbruch bringen zu können.“ Doch Illusionen hin oder her, mit konterrevolutionären Störungen sei zu rechnen. So schien es legitim, „Spannungsperioden“ auch als Verteidigungsfall anzusehen und die „politisch-operativen Maßnahmen“, zu denen die selbst nach DDR-Recht verfassungswidrige, rein verdachtsgestützte „Isolierung“ tausender vermeintlicher Spione, Systemgegner und Oppositioneller gehörte, auf Unruhen im Innern auszudehnen.

          Im Keller von Schloss Beichlingen in Thüringen sollten Oppositionelle weggesperrt werden.

          Nur um Haaresbreite scheinen die Bürger der DDR Ende 1989 dieser vielleicht größten von allen gegen das eigene Volk gerichteten Ungeheuerlichkeiten der Staatsführung entgangen zu sein. Die Umrüstung von Jugendherbergen und Burgen zu Isolierungslagern war schon angelaufen, exakt so, wie es der nun als „Vorbeugekomplex“ bekannte, in den achtziger Jahren mit horrender Akribie ausgearbeitete Plan vorsah. Ein Kennziffernsystem legte fest, welche Personenkreise wie schnell unter Kontrolle gebracht werden sollten: Knapp dreitausend namentlich aufgeführte Oppositionelle waren innerhalb von sechzehn Stunden zu verhaften.

          Mehr als zehntausend Personen mit einer „verfestigten negativen Grundhaltung“, vornehmlich Angehörige von Kirchen-, Umwelt- und Friedensgruppen, sollten innerhalb von 24 Stunden in Internierungslager gebracht werden. Für mehr als siebzigtausend „politisch unzuverlässige Personen“ war die verstärkte Überwachung vorgesehen. Dass der Film von Katharina und Konrad Herrmann „Honeckers unheimlicher Plan“ heißt, hat seine Berechtigung, auch wenn die erwähnte Vorlage von Erich Mielke, dem Minister für Staatssicherheit, stammte. Die Entscheidung über die Umsetzung der Direktive oblag dem Vorsitzenden des Nationalen Verteidigungsrats, und das war von 1971 an Erich Honecker. Dies alles ist gut erforscht, neuere Erkenntnisse standen auch den Filmemachern nicht zu Verfügung. Ihnen gebührt aber das Verdienst, anschaulich an dieses inhumane, fast vergessene Planspiel zu erinnern.

          Etwa 95 Prozent der Akten zum Vorbeugungskomplex hat das Ministerium für Staatssicherheit in den Wendetagen vernichten können. Für eine ganze Reihe von Personen ist aber nachweisbar, dass sie in der Kartei geführt wurden. Zwei von ihnen haben Vater und Tochter Herrmann für ihren Film interviewt: den Stempelmacher Rudolf Keßner, der in Weimar mutig Rechtsinformationen rund um Wehrpflicht und Ausreise bereitgestellt hatte, und die ehemalige Friedensaktivistin Angelika Schön. Beide zeigen sich erschüttert von den konkreten Planungen, wie mit ihnen zu verfahren sei.

          Dass bis in die letzten Minuten des Regimes die Listen über innere Feinde fleißig erweitert wurden, steht nicht im Widerspruch zu dem, was Peter Miethe, der ehemalige stellvertretende Leiter der Abteilung Sicherheit im ZK der SED, im Film sagt: dass im Herbst 1989 niemand im SED-Führungsgremium mehr ein Konzept für irgendeine Gestaltung der Gesellschaft hatte. In konstruktiver Hinsicht hatte man aufgegeben, aber für gewaltsame Repressionsphantasien reichte die Energie noch, eine finale Überheblichkeit. Es war das letzte Mal, dass auf deutschem Boden Straflager errichtet werden sollten.

          Am 8. Oktober 1989 ordnete der Stasi-Chef seinen Mitarbeitern das ständige Tragen der Dienstwaffe an. Wären am 9. Oktober nicht so viele Menschen in Leipzig zur Montagsdemonstration erschienen, wäre dies wohl der Tag geworden, an dem das blutige Niederschlagen der Demonstrationen und die Verhaftungswelle begonnen hätten, sagt Tobias Hollitzer von der Leipziger Gedenkstätte „Runde Ecke“. Doch die Wucht des Widerstands war zu groß, der Staat hatte nicht mehr die Ressourcen, den Zusammenbruch noch aufzuhalten. Mit so viel Gegnerschaft hatte Erich Mielke nie gerechnet. Es bleibt sein Geheimnis, ob er tatsächlich bis zu seinem Tod im Jahr 2000 glaubte, ein raffinierter Gegner habe ihn ausgetrickst.

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