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ARD-Doku „Betrug“ : Kassensturz im Kindergarten

  • -Aktualisiert am

Das sitzt er und konnte nicht anders: Bastian, der Kindergarten-Gauner. Bild: SWR

Der gewitzte Dokumentarfilm „Betrug“ von David Spaeth zeichnet nach, wie ein gerissener Hochstapler vermögende Eltern in Schwabing prellte. Das ist ein Lehrstück über die Naivität der arrivierten Kreise.

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          Verkaufen, das kann er immer noch. Er habe sich selbst zum Produkt gemacht, sagt der Mann, von dem wir nur den Vornamen Bastian kennen: Eine Geldklammer habe er besessen, ständig zum Essen eingeladen, sei mit dicken Schlitten vorgefahren. Eindruck, Eindruck, Eindruck. Selbst für seine Ballonseide-Auftritte wurde der vermeintlich Neureiche von den Altreichen gnädig belächelt, aber heimlich auch bewundert. Das muss man sich trauen. Doch damit endete das geschickte Selbstmarketing noch nicht. Wenn Bastian im Dokumentarfilm von David Spaeth, der selbst zu den Gefoppten gehörte, mit rücksichtsloser Offenheit und durchdachten Worten über seinen Hochstapler-Erfolg und den folgenden Absturz spricht, dann geschieht auch das im Verkäufermodus. Beides zusammengenommen, erreicht diese abenteuerliche Posse beinahe „Felix Krull“-Niveau.

          Sosehr die Opfer des keineswegs robinhoodhaften, sondern ganz selbstsüchtigen Betrugs – wenn man Schwabinger Wohlhabende, die aus eigener Naivität um einen stattlichen Betrag geprellt wurden, denn „Opfer“ nennen mag –, sosehr also einige dieser Übertölpelten heute über die Amoral des Hochstaplers den Kopf schütteln: So ganz versagt im Film Bastian niemand den Respekt für sein zwar letztlich krachend gescheitertes, aber durchaus kühnes Gaunerstück. Und tatsächlich stellte der Betrüger für die Elterngemeinschaft, in die er sich erst eingeschlichen und dann eingebracht hat, offenbar auch eine Bereicherung dar. Einige der Befragten scheinen den hier manifest werdenden und von Bastian klar benannten Schichtenunterschied gar nicht zu sehen. Reichtum funktioniert bis zu einem bestimmten Punkt als Fiktion so gut wie real.

          Es begann harmlos. Um eine Chance zu bekommen, sein behindertes Kind in einem traumhaften Münchner Elterninitiative-Kindergarten unterzubringen, frisierte der Arbeitslose Bastian die eigene Biographie. Er kam nun aus dem Norden statt aus Halle, hatte BWL studiert und leitete eine Eventagentur. Mit etwas Nachdruck sicherte er sich den Posten als Finanzvorstand des Kinderhauses, sah, dass dort eine Viertelmillion Euro auf der hohen Kante lagen, und begann sich zu bedienen. Weil Geld in Schwabing im Überfluss vorhanden ist, fragte lange niemand nach. Dass sich „der Basti“ einen proletenhaften Lebensstil mit teuren (Miet-)Sportwagen, Kaviar, Reisen und später gar Prostituierten zulegte, wurde als Marotte des Neureichen akzeptiert. Auf die Ausnahmequalität des integrativen Kindergartens lässt auch Bastian – als Vater – nichts kommen. Es ist spannend, zu sehen, wo genau die Erinnerungen des Hochstaplers und seiner ehemaligen Freunde auseinandergehen. Bei der Beurteilung der Tat etwa: Vorsatz oder Gelegenheitsdiebstahl? Oder bei der Frage, ob er die eigenen Kinder betrogen habe. Dass einige der Eltern auch jetzt noch unter Tränen äußern, das Kinderhaus hätte beinahe schließen müssen, findet der Schwindler (Bastian sagt „Magier“) „latent übertrieben“ angesichts der monetären Verhältnisse: „Dem Einen gehört die halbe Münchner Freiheit.“

          Spaeth hat den Erzählungen der beiden Seiten so gut wie nichts hinzugefügt, vor allem keine Wertung. Es werden lediglich einige hübsche Zwischenbilder in Superzeitlupe eingeschaltet. So können die Zuschauer sich selbst für eine Lesart entscheiden. Zur Schadenfreude lädt der Film allerdings nicht ein, denn die gezeigten und wohl nicht allesamt stinkreichen Eltern wirken durchweg freundlich, uneitel und engagiert. Sie haben den Betrüger nach seinem Geständnis plus Spielsucht-Ausrede zu dessen Verblüffung sogar in den Arm genommen. Die Anzeige erfolgte nichtsdestotrotz.

          Was so anekdotisch daherkommt, ist zugleich ein Lehrstück über die Leichtgläubigkeit der Arrivierten, was vielleicht damit zu tun hat, dass die Besitzfrage (auch dank teurer Sozialleistungen) hierzulande selten laut gestellt wird. Nicht dass jemand von ganz unten eine Weile bei den Wohlsituierten mitspielt und plötzlich gut hineinpasst, ist ja das eigentlich Verwunderliche (das ist eher die Märchenkomponente), sondern dass an die Moral der Exkludierten appelliert wird, sich doch bitte an den eigenen Ausschluss zu halten. Die meisten Habenichtse können ihren Kindern einen solchen Kindergarten aber wohl kaum bieten. Der Möchtegern-Aufsteiger zahlte einen hohen Preis für seinen Trick: dreißig Monate Gefängnis. Der Preis, den die Betrogenen zahlten, ist aber kaum geringer: die Erschütterung ihrer Wohlstandsgewissheit.

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