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Dokufilm „Soldaten“ im Ersten : Stell dir vor, es ist Krieg

  • -Aktualisiert am

Freiwillig: Jerell tritt zur Grundausbildung an. Bild: NDR/Willem Konrad

Ohne Zeitlupe und „Top Gun“-Pathos: Der ARD-Dokumentarfilm „Soldaten“ zeigt, was die deutsche Berufsarmee mit Imageproblem dringend benötigt: ein einfühlsames Porträt dreier Rekruten.

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          Erst beim dritten Termin hat sich Jeremy Meier, 21, zum Eignungstest getraut. Bisher hatte er zu wenig Körpergewicht für den Bund. Nun hat es endlich geklappt. Kurze Zeit später trainiert Jeremy, dessen schmale Statur unter der Tarnuniform samt Stahlhelm verschwindet, mit Sturmgewehr in der Hand für den Ernstfall.

          Der ARD-Dokumentarfilm „Soldaten“ begleitet über zwei Jahre lang den Werdegang von drei Rekruten. Worauf sich Jeremy, Alexis und Jerell einlassen, ist klar: Das Panzergrenadierbataillon in Hagenow (Mecklenburg-Vorpommern) ist eine kampferprobte Einheit, die dorthin fliegt, wo es brenzlig wird.

          „Wenn ich vor der Front stehe, fummeln sie sich nicht im Gesicht rum, egal wenn’s juckt oder was weiß ich.“ Das Antreten am ersten Tag gibt den Ton an. Am Abend geben die Ersten auf. „Wie eine Klassenfahrt, nur ein bisschen strenger“, sagt Rekrut Alexis bei der Anprobe der neuen Uniform. Doch der erste Eindruck wird schnell täuschen.

          Die dreimonatige Grundausbildung – ein Marathon durch Schlamm, Wasser und Wald – treibt die Rekruten an körperliche und psychische Grenzen. Ganz im Gegensatz zu den von der Bundeswehr eigens produzierten PR- Serien zeigt „Soldaten” weitaus mehr als Drill-Sergeants und Slow-Motion-Aufnahmen von Hubschraubern. Die Dokumentarfilmer Christian von Brockhausen und Willem Konrad verzichten auf eigene Kommentare und lassen stattdessen ihre Protagonisten selbst erzählen. In den ruhigen und introspektiven Momenten des Films begleiten wir die drei jungen Männer in ihre Heimat. „Besser wäre es, wenn es gar keine Auslandseinsätze gäbe, aber irgendeiner muss es ja machen“, sagt Rekrut Jerell seiner besorgten Mutter auf dem Balkon ihrer Mietwohnung in Berlin-Reinickendorf. Dass er nur ein Jahr später nach Afghanistan fliegen wird, wissen beide noch nicht.

          Seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011 ist die Bundeswehr eine Freiwilligenarmee. Wer wird heute noch Soldat? Angetrieben von der Suche nach Selbstbewusstsein, einem sicheren Beruf oder dem Wunsch, „dem Land etwas zurückzugeben”, zeigt der Dokumentarfilm mit ruhiger Kamera ein einfühlsames Bild dreier Rekruten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

          Geeint werden sie von der Furcht, aus dem drohenden Auslandseinsatz als gänzlich veränderter Mensch zurückzukehren. Für Jerell ist es nun so weit. Er wird als einer der letzten Soldaten für den nun beendeten Einsatz in Afghanistan einberufen. Ein halbes Jahr wird er dort stationiert sein. Um Patientenverfügung und Testament muss er sich vor der Abreise kümmern. Mit „Wiederschauen“ verabschiedet ihn der Flughafenmitarbeiter, bevor Jerell in das Militärflugzeug nach Masar-e-Sharif steigt. Jeremy verlässt die Bundeswehr nach Ende der Dreharbeiten.

          „Ab morgen sind sie alle gleich”, wurde dem jungen Trupp am ersten Tag vorhergesagt. Dass dies bestenfalls die halbe Wahrheit ist, zeigt der Dokumentarfilm „Soldaten“ eindrucksvoll. Er rückt die Bundeswehr näher an die Gesellschaft, die von der Armee inzwischen wenig weiß, heran – durch die Geschichten von drei Menschen unter der Tarnuniform.

          Soldaten läuft um 23.50 Uhr im Ersten.

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