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ARD-Film „Elternschule“ : Darf man so mit Kindern umgehen?

Außer Rand und Band: In dem Film „Elternschule“ geht es um Extremfälle von Erziehung. Bild: SWR/Jörg Adolph

In der ARD läuft ein Dokumentarfilm über Kinder, an denen Eltern verzweifeln. Er war kurz im Kino zu sehen – und sorgte für Kontroversen bis zu einer Strafanzeige. Was ist an „Elternschule“ so schlimm?

          Ein Kind will nicht essen, eines nicht trinken, ein drittes nicht schlafen. Ein kleines Mädchen schreit vierzehn Stunden am Tag, ein kleiner Junge wird wild, ein anderer kratzt sich blutig. Ein Mädchen ernährt sich ausschließlich von Milch, Pommes und Chicken Nuggets. Die Eltern – oder besser gesagt: die Mütter – sind verzweifelt. Sie sind, wie ihre Kinder, mit den Nerven am Ende. In der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“ der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen hoffen sie auf Hilfe, die sie andernorts nicht gefunden haben. Eine Mutter sieht sonst nur noch den Ausweg, ihre Tochter in ein Kinderheim zu geben. Dramatischer geht es kaum. In der Klink aber wird ihnen geholfen. Nach drei Wochen scheint die akute Notlage, in der sie sich befinden, behoben. Nur in einem Fall, in welchem der Vater das Problem zu sein scheint und die Mitwirkung verweigert, vermag die Therapie nicht zu verfangen. Bei den anderen führen Schlaf-, Ess- und Verhaltenstraining, Psychotherapie und „Erziehungscoaching“ zum Erfolg.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          So zeigt es der Dokumentarfilm „Elternschule“ von Jörg Adolph und Ralf Bücheler, den das Erste heute Abend ausstrahlt. Als er im November vergangenen Jahres in einigen Programmkinos lief, war die Presse zunächst voll des Lobes für die Arbeit der beiden renommierten Autoren. „Elternschule“ wurde für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert. Doch dann setzte ein, was die ARD in ihrem Begleittext als „Shitstorm“ bezeichnet, „der erst die sozialen Medien überschwemmte und schließlich kontroverse Diskussionen in der Presse auslöste“.

          Das ist eher unter- als übertrieben. Noch bevor der Film zu sehen war und als man sich ein Urteil nur anhand eines kurzen Trailers bilden konnte, schlugen die Wogen hoch. Der Kinderschutzbund äußerte sich kritisch. Eine Petition, die inzwischen knapp 23.000 Unterzeichner hat, forderte ein „Ausstrahlungsende“ des Films und eine „Überprüfung der Klinikabteilung“. Zu der kam es aufgrund einer Strafanzeige tatsächlich. Die Staatsanwaltschaft Essen leitete Ermittlungen ein, um bald festzustellen, dass in dem Film nichts zu sehen gewesen sei, „was als Straftat zu werten wäre“. Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster, der die Riege der Kritiker anführt, sah das ganz anders. Auf einer von ihm betriebenen Website schreibt er: „Was mich an diesem Film vor allem wundert, ist die Schamlosigkeit, mit der erzieherische Gewalt dargestellt, glorifiziert und auch medikalisiert wird“. Es sei erschütternd „dass wir das Geheimnis der guten Erziehung wieder in Härte und bedingungsloser Unterwerfung suchen“. Die Klink wies die Vorwürfe als gegenstandslos zurück.

          Was ist da los? Strahlt die ARD tatsächlich einen Film der zeigt, wie Kindern Gewalt angetan wird, und der das auch noch beklatscht? Der Vorwurf macht die beiden Filmemacher, wie sie in der „Süddeutschen Zeitung“ bekunden, fassungslos. „Wir zeigen keine Gewalt gegen Kinder!“, ruft Ralf Bücheler dort aus. Sie hätten „in jedem Moment nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt“, sagt Jörg Adolph in der SZ, aber vielleicht seien „die Zeiten für so einen Film einfach vorbei“, in einer „Gesellschaft des Zorns“, wo „in den Hinterhöfen des Internets“ die Leute erst zufrieden seien, „wenn sie die Knochen brechen hören“. Knochenbrecher und Debattenkiller gibt es in diesen digitalen Zeiten in der Tat viele. Tonangebend werden nicht nur bei politischen Themen zunehmend Leute, für die es nur Schwarz und Weiß und keine Graustufen gibt, ganz gleich, worum es geht.

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