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ARD-Dokudrama : Niemand hat vor, ein Luftschloss zu errichten

  • -Aktualisiert am

Verschwenderische Haarpracht: Der Baulöwe Jürgen Schneider (Reiner Schöne) und seine Frau (Gesine Crukowski). Bild: obs

Der Stoff über den begnadeten Hochstapler Jürgen Schneider, der in den Neunzigern die Banken narrte, ist eigentlich kaum zu schlagen. Doch das ARD-Dokudrama „Der Auf-Schneider“ gerät selbst zur Pleite.

          Anschaulicher geht es kaum. Der Aufstieg und Fall des Königsteiner Immobilienentwicklers Jürgen Schneider, der bei seiner Flucht vor den Banken und der deutschen Justiz im April 1994 offene Kredite im Wert von mehr als fünf Milliarden Mark, eine Art Erpresserschreiben an die Deutsche Bank und wilde Pressespekulationen hinterließ, ist ein faszinierendes Stück deutscher Finanz- und Wirtschaftsgroßmannssucht. Dreizehn Monate lang blieben Schneider und seine Frau Claudia verschwunden, bevor sie vom BKA in Miami aufgespürt und vom FBI verhaftet wurden. In der Zwischenzeit entblödeten sich Journalisten nicht, ins Schlafzimmer der einbetoniert Geglaubten einzudringen und Bilder von pinkfarbenen Pantoffeln, Haarteilen und dem Tresor am Kopfende des Ehebetts zu veröffentlichen. Die Absurditäten und strafbewehrten Rücksichtslosigkeiten der Medien in diesem Fall wären ein Thema für sich.

          Ein entsprechender Spielfilm könnte ähnlich wirkungsvoll verfahren wie „Der große Rudolph“ von Alexander Adolph, der kürzlich das Leben des Selbsterfinders Rudolph Moshammer zu einer berührenden Parabel über Schein und Sein verdichtete. Etwa so: Felix Krull (Schneider) trifft Schlemihls (Bankenvorstände), haut sie nach allen Regeln des Schneeballsystems übers Ohr und beruft sich später privatmoralisch entlastend auf die Offensichtlichkeit seines fragwürdigen Geschäftsgebarens, das nach der krachenden Pleite zahlreiche Unternehmerexistenzen vernichtete.

          Mit Anschaulichkeitsmehrwert

          Dramaturgisch könnte sich das Geschehen von der denkwürdigen Pressekonferenz aus vor- und zurückbewegen, bei der der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Hilmar Kopper, offene Handwerkerrechnungen im Wert von fünfzig Millionen Mark als „Peanuts“ bezeichnete – ein Wort, das als Zeichen für die Realitätsferne der Vorstandsebene dann seine ganz eigene (Medien-)Karriere machte. Ein Stoff mit zahlreichen Bezügen, hierzulande anschlussfähiger als die Lehman-Pleite oder die Griechenland-Krise. Wirtschaftsfernsehfiktion vom Feinsten.

          Vorstellbar wäre der Fall auch als machtpsychologisches Kammerspiel. Schauplatz wären dann vor allem das „Schloss im Taunus“, die Villa Andrae, in der sich die Bankenvertreter und Geschäftspartner hochherrschaftlich empfangen fühlen durften und freuten wie Bolle, wenn ihre Limousinen direkt vorfahren konnten, während die Konkurrenz draußen parken und die letzten Meter laufen musste. Oder als ein grotesk überzeichnendes Lehrstück über westostdeutsche Kapitalismusimplementierung auf dem Weg zu „blühenden Landschaften“ (Helmut Kohl), besser: blühenden Innenstädten – Stein und Stuck geworden beispielsweise in der Leipziger Mädler-Passage.

          Was aber macht der Film „Der Auf-Schneider“ aus all den Steilvorlagen, die ihnen Jürgen Schneider, der schließlich zu mehr als sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurde, von denen er aber nur wenige absitzen musste, liefert? Ein gähnend langweiliges Dokudrama mit gänzlich redundanten, gelegentlich hochnotpeinlichen Spielszenen und mäßig erhellenden Interviewpassagen, in denen sich etwa der damals entlassene Leiter der Mannheimer Niederlassung der Deutschen Bank, Prinz Michael von Sachsen-Weimar, als reines Bauernopfer des Vorstands in Szene setzen darf. In den Selbstaussagen, die freilich durch ihre direkte Konfrontation im Filmschnitt erheblich gewonnen hätten, steckt noch das meiste Potential des Films von Benjamin Quabeck (Regie) und Christian Hans Schulz (Buch und Regie).

          Die Erinnerungen des Richters, des Staatsanwalts, des ZDF-Reporters Udo Frank und ganz zum Schluss Schneider selbst mit der bekannten Bankenanklage: Als kürzere „Story im Ersten“-Reportage ginge das noch gut durch. Der „Auf-Schneider“ will aber eine „Story“ mit Anschaulichkeitsmehrwert sein. Reiner Schöne als Jürgen Schneider (der einzige Lichtblick) und vor allem Gesine Cukrowski als Claudia Schneider arbeiten sich in den Spielszenen für ein vermeintliches Authentizitätsplus auf schlimme Weise am Hessischen ab. Bei den Zielfahndern des BKA wird gequalmt, was das Zeug hält, ermittelt wird nur hier und da. Zusätzlich wird aus dem Off erklärt, was man längst gehört und gesehen hat. Weichspülmusik tut ein Übriges. Chance vertan.

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