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ARD-Doku „Deutscher Herbst“ : Mehr Sohn als Historiker

  • -Aktualisiert am

Bild: rbb/Börres Weiffenbach

Bleierne Zeitgeschichte: Im Dokumentarfilm „Sympathisanten – Unser deutscher Herbst“ forscht Felix Moeller in der eigenen, berühmten Familie nach Gründen für die einstige Sympathie mit Linksradikalen.

          Dieser Film war wohl unvermeidlich. Die gesamte Biographie des Dokumentarfilmers und promovierten Historikers Felix Moeller lief sozusagen auf ihn zu, denn als Sohn von Margarethe von Trotta und Stiefsohn Volker Schlöndorffs verbrachte der im Jahr 1965 Geborene seine Kindheit inmitten der Stürme des „Deutschen Herbsts“.

          Schlöndorff und von Trotta, seine damalige Ehefrau, die sich gerade von einer Schauspielerin zur erfolgreichen Regisseurin wandelte (und den Teenager-Sohn an der Seite von Tina Engel und Marius Müller-Westernhagen in „Das zweite Erwachen der Christa Klages“ 1978 eine kleine Rolle spielen ließ), waren nicht nur per du mit zentralen Akteuren des linksliberalen Aufbruchs, sondern galten als Unterstützer der Roten Hilfe auch bald – ähnlich wie Heinrich Böll – als Inbegriff der „Sympathisanten“ der Roten Armee Fraktion. Vier Jahrzehnte später widmet sich Moeller noch einmal dieser Zeit, die er „miterlebt, aber nicht wirklich verstanden“ habe.

          Bewundernswert ehrlich bis banal und unscharf

          Die wenig originell aus der Montage von Archivbildern, Ausschnitten aus berühmten Filmen der Eltern und Interviews bestehende Dokumentation lebt von ihrer persönlichen Herangehensweise. Das ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass sich über diese künstlerisch und wissenschaftlich geradezu obsessiv ergründete Phase kaum noch substantiell Neues sagen lässt.

          Moellers vollmundige Behauptung „Wie breit die Unterstützung der RAF in manchen Kreisen in den siebziger Jahren aber war, ist bis heute nicht wirklich klar“ darf denn auch als verstiegener Versuch der Relevanzerhöhung abgehakt werden, zumal der Film das damit verbundene Versprechen, diese vermeintliche Dunkelzone zu durchleuchten, mitnichten einlöst. Schon der erste Satz der Analyse ist so banal wie unscharf: „Alles nahm 1968 seinen Anfang.“ Das stimmt nur, wenn man „Achtundsechzig“ als Epochenbezeichnung auffasst, schließlich erreichten die außerparlamentarischen Proteste in Deutschland zwischen 1965 und 1967 ihren Höhepunkt, die RAF aber gründete sich erst 1970.

          „Aufzeichnungen von fast zeitgeschichtlichem Wert“

          Auf eine einzige bislang nicht ausgewertete Quelle stützt sich Moeller, auf die Tagebücher seiner Mutter: „Ich habe schnell erkannt, dass es sich um Aufzeichnungen von fast zeitgeschichtlichem Wert handelt.“ Das Wörtchen „fast“ ist in diesem Fall bewundernswert ehrlich, aber einigermaßen ruinös, denn tatsächlich geht kaum eine zitierte Zeile über Gemeinplätze oder Zeitungswissen hinaus.

          Von Trotta räumt im Gespräch selbstkritisch ein, dass man 1977 bereit und naiv genug war, den Mythos einer staatlichen Liquidierung der Stammheimer Gefangenen zu glauben. Hier wird auch das Tagebuch das einzige Mal interessant, weil es den ansonsten wichtigtuerisch von unbekannten (oder gar nur ihm bekannten) wohlhabenden Mäzenen des Terrors orakelnden Schriftsteller Peter Schneider in die Bredouille bringt. Kaum hat er im Interview behauptet, immer an den Suizid von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe geglaubt zu haben, wird er – Hoppla! – mit einer anderslautenden Stelle im Tagebuch konfrontiert. Das würde ihn aber wundern, eiert Schneider.

          An ihrem Schreibtisch in Paris: Margarethe von Trotta liest in einem alten Tagebuch.

          Über große Strecken hält sich der Film mit den allerbekanntesten Episoden und Gegnerschaften auf. Oft sehen wir Helmut Schmidt, wie er den „Sympathisanten“ der Terroristen – gemeint waren linke Intellektuelle, Journalisten, Geistliche, Künstler – ins Gewissen redet, auch Willy Brandt äußert sich nach der Entführung Hanns Martin Schleyers in ähnlicher Weise. Noch schärfer waren die Verurteilungen in den Medien, in der „Tagesschau“ und im „ZDF Magazin“. René Böll erzählt dann noch einmal, wie sehr die Anschuldigungen seinen Vater belastet hätten. Daniel Cohn-Bendit nennt die RAF „mörderisch“, aber kritisiert – nicht zum ersten Mal – das Beiseiteschieben von zu viel demokratischer Substanz bei ihrer Bekämpfung.

          Der Schauspieler Christof Wackernagel, der wegen seiner RAF-Mitgliedschaft zehn Jahre im Gefängnis saß und der Gewalt abgeschworen hat, regt sich ein weiteres Mal darüber auf, dass die Verhältnisse ja immer noch „falsch“ seien. Marius Müller-Westernhagen wiederum hat gar nichts von Bedeutung zu sagen: Als Langhaariger habe man sich damals vorsichtig bewegen müssen. Es sei aber auch schick gewesen, zu sympathisieren.

          Mit der Vergangenheit im Reinen

          Das Rückgrat des Films bilden die Gespräche mit von Trotta und Schlöndorff, die heute in Paris und in Potsdam im besten Sinne bourgeois wohnen, sich aber verschieden auf die Vergangenheit einlassen. Schlöndorff, mit sich im Reinen, glaubt, die Baader-Meinhof-Gruppe hätte es ohne unterstützendes Umfeld genauso gegeben, gibt sich aber reuig hinsichtlich seiner frühen Sozialismus-Faszination: Heute neige er eher der CDU Angela Merkels zu.

          Von Trotta steht zu ihren Irrtümern, belächelt auch nicht die übersteigerte Stelle des Tagebuchs, an der ein einziger Tag Ordnungshaft – sie hatte im Gericht gestört – sie zu pathetischen Sätzen wie „In der Nacht steigert sich die Angst“ oder „Isolation wäre mir tödlich“ hinriss, wirft sich aber vor, „nicht immer mit dem eigenen Kopf gedacht“ zu haben. Alles keine allzu aufregenden Bekenntnisse. Da wäre, das spürt man, mehr zu holen gewesen.

          Tiefer jedoch geht die Auseinandersetzung nicht, weil Moeller, hier doch mehr staunender Sohn als Historiker, nicht nachfasst und die Befragten nicht zusammenbringt. Wackernagel, der mit der RAF und ihrer Propaganda heute hart ins Gericht geht, hätte Schlöndorff sicher einiges zu sagen.

          Was man dieser vielleicht ödesten aller Auseinandersetzungen mit dem linksradikalen Aufruhr in Deutschland neben ihrer Unentschlossenheit vorhalten muss, ist ihre Selbstzentriertheit: Nicht einen der damals die Gegenseite Repräsentierenden zu Wort kommen zu lassen heißt, ganz auf die Stärke der Selbsterkenntnis der Achtundsechziger zu setzen. Und das ist leider misslungen.

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