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ARD-Doku „Krieg der Träume“ : Der Frieden, der keiner war

Sie wollte an die Front, doch ihr Zug fährt nach Wladiwostok: Marina Yurlova (Natalia Witmer) Bild: SWR

Wie lässt sich die Weltgeschichte der Jahre 1918 bis 1939 im Fernsehen erzählen? „Krieg der Träume“ zeigt, wie es geht: anhand von Einzelschicksalen, die sich zu einem Ganzen fügen.

          Ein junger Mann stürzt ins Wasser. Es ist ein Matrose, er droht zu ertrinken, er rudert wild an die Oberfläche. Übers Wasser donnern die Geschütze, ein Schlachtschiff der deutschen Marine gerät in Seitenlage und sinkt. Hans Beimler schreckt hoch aus seinem Albtraum. Noch nie habe er ein Stück Kuchen gegessen, noch nie eine Nacht durchtanzt, noch nie mit einer Frau geschlafen. Leben wolle er, hören wir ihn sagen, und nicht für den Kaiser krepieren.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hans Beimler wird nicht untergehen, stattdessen führt er den Matrosenaufstand am Ende des Ersten Weltkriegs in Cuxhaven mit an. Mehr als einmal wird sein Leben in den folgenden Monaten auf dem Spiel stehen, doch schon im bald niedergeschlagenen Aufstand deutet sich seine politische Karriere an. Beimler zählt zu den Gründern der Kommunistischen Partei in Deutschland.

          Für Apolonia Chalupec hingegen beginnt gerade der Aufstieg zum Filmstar. Ernst Lubitsch hat sie für eine Rolle besetzt. Pola Negri, wie sie von nun an heißt, begeistert das Publikum, schon bald ruft Hollywood nach ihr. Die junge Kosakin Marina Yurlova flieht gerade an das andere Ende des Kontinents. Der tschechische Offizier, dessen Heiratsantrag sie abgelehnt hat, setzt sie gegen ihren Willen in den Zug nach Wladiwostok. Nur dort ist sie vor den heranrückenden „Roten“ sicher, nur von dort aus hat sie eine Chance, nach Amerika zu fliehen.

          Von einem Krieg in den nächsten: Hans Beimler (Jan Krauter) im spanischen Bürgerkrieg.

          Die junge Marie-Jeanne Picqueray kämpft in einem Krankenhaus in Savenay, im Westen Frankreichs, ums Überleben, die Spanische Grippe wütet weltweit. Der britische Presseoffizier und Chef der Militärzensur, Charles Edward Montague, steht auf dem Schlachtfeld an der Westfront und die zählt die Sekunden herunter, bis der Waffenstillstand eintritt. Es ist der 11. November 1918.

          Mit diesem Tag beginnt das historische Kaleidoskop, das die Regisseure und Autoren Jan Peter und Frédéric Goupil und der Produzent Gunnar Dedio in ihrer Dokudramatisierung „Krieg der Träume“ aufspannen. Es ist die Fortsetzung von „14 – Die Tagebücher des Ersten Weltkriegs“, mit denen Jan Peter vor vier Jahren im Gedenken an den Beginn des Ersten Weltkriegs aufwartete. Sein Verfahren ist dasselbe geblieben, nur setzt er es jetzt in noch größerem Maßstab um.

          Erzählt werden die Schicksale von dreizehn Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus. Wir werden nicht nur mit Hans Beimler, Pola Negri, Marie-Jeanne Picequeray, Marina Yurlova und Charles Edward Montague bekannt gemacht, sondern auch mit dem italienischen Industriellen und Außenminister Silvio Crespi, mit der jüdischen Ärztin Edith Wellspacher, die ins Konzentrationslager verschleppt wird und mit dem ukrainischen Geheimdienstspitzel Stepan Podlubny, der selbst denunziert wird. Wir sehen die glühende britische Hitler-Anhängerin Unity Mitford, die ins Deutsche Reich reist und ihrem Idol ganz nahe kommt. Wir erfahren überdies von dem Vietnamesen Nguyen Ai Quoc, der als Hilfsarbeiter durch Europa reist und in Moskau die Universität besucht. 1945 gibt er sich den Kampfnamen Ho Chi Minh und ruft die Demokratische Republik Vietnam aus. Der junge deutsche Soldat schließlich, der frustriert aus der Reichswehr ausscheidet und sich umgehend einem Freikorps anschließt, das in Schlesien wütet, und in die NSDAP eintritt, ist niemand anderes als Rudolf Höß, der spätere Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz.

          Hundertzwanzig Schauspieler bietet die Produktion auf, und mehr als siebenhundert Komparsen. Gedreht wurden die Spielszenen in Luxemburg, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und Deutschland. In fünfzehn Ländern ist „Krieg der Träume“ zu sehen, mehr als dreißig Sender und Förderer sind beteiligt. Die wahre Mammutaufgabe aber liegt in der Recherche, die das Schicksal der hier Porträtierten lebendig werden lässt, die für die Epoche der Zwischenkriegszeit stehen.

          Zu Beginn der zeitgeschichtlichen Reise, zu der „Krieg der Träume“ einlädt, muss man sehen, dass man mitkommt. Wer ist wer, was bedeutet was, wo spielt sich dieses und jenes ab? Die nötigen biographischen Informationen und Angaben zur Geschichte werden peu à peu nachgereicht. Was zu Beginn wie ein Schnipsel-Stakkato wirkt, in dem sich historische Bilder und Spielszenen in oft nur sekundenkurzer Folge abwechseln, gewinnt im Laufe der Folgen an dramaturgischer Tiefe. Die Figuren werden lebendig, sie sind klug ausgewählt, sie stehen paradigmatisch für die Zeit, die Charles Edward Montague im Augenblick, da der Erste Weltkrieg endet, als Vorspiel zum nächsten Krieg erkennt. Man habe nun keinen Frieden geschlossen, sagt er, sondern nur einen Waffenstillstand, der höchstens zwanzig Jahre währe. Er sollte recht behalten.

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