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ARD-Doku über Digitalisierung : Deutschlands Leiden an sich selbst

  • -Aktualisiert am

Horst Zuse mit dem Nachbau des legendären Z4-Computers seines Vaters. Bild: NDR/Christiane Schuhbert TV/Andr

Andreas Orth schildert in seiner Dokumentation, wie dieses Land zur „Digitalen Verlustzone“ und von den Konzernen aus dem Silicon Valley ins Abseits gestellt wurde. Hätte es denn anders kommen können?

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          Steve Jobs und Steve Wozniak gründeten im Jahr 1976 in einer Garage im Silicon Valley eine bis heute nicht unbedeutende Firma namens „Apple“. In Deutschland wären sie wahrscheinlich schon vor der Gründung am Ordnungsrecht gescheitert, so der jahrzehntealte Spott über unsere Bürokratie als Innovationshemmnis. Diese legendäre Garage hätte einst in einer Käserei im Allgäu zu finden sein können. So könnte man die These von Andreas Orth in seinem Film „Digitale Verlustzone. Wie Deutschland den Anschluss verlor“ zusammenfassen, selbst wenn Jobs Garage nicht erwähnt wird. In der Käserei habe nämlich der legendäre Konrad Zuse zwei Jahre nach dem Krieg den ersten Computer gebaut, um Milchabrechnungen schneller zu bearbeiten. Dafür habe sich bei uns aber niemand interessiert.

          Das sei eine Erfahrung, die später noch viele Pioniere machen mussten, so Orth. Allerdings ist Zuse nur deshalb im Allgäu gelandet, weil er seine legendäre Z 4 vor den alliierten Bombenangriffen in Sicherheit bringen wollte. Das technologische Potential seiner Erfindung hatte schon die Wehrmacht erkannt, was keineswegs ungewöhnlich ist: Die amerikanische Computerindustrie profitierte ebenfalls von der Forschungsförderung des Pentagons.

          Dieser szenische Einstieg über den vermeintlichen Bastler im Allgäu bestimmt die Sichtweise dieser Dokumentation. Sie schildert unser Verhältnis zur Digitalisierung als das eines fortlaufenden Versagens. Tatsächlich ist dieses Land zur Lachnummer geworden, wenn es um den Ausbau der digitalen Infrastruktur geht. Orth zitiert etwa den früheren Bundeskanzler Helmut Kohl, der in einer Fernsehdiskussion die Datenautobahn mit den Bundesfernstraßen verwechselt hatte. Wir leben geistig im analogen Zeitalter, so die These, zusammen mit unseren kulturkritischen und technikfeindlichen Traditionen erkläre es unseren Rückstand. So erinnert der Film an frühere Debatten, die den Computer als Instrument des Überwachungsstaates definierten. Die Grünen fanden nicht zuletzt in dieser Technologiekritik ihre geistige Heimat.

          Diese Sichtweise kann trotzdem nicht überzeugen. Das wird bei den Passagen zum unterbliebenen Netzausbau deutlich. Der frühere Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling (CDU) gilt auch in diesem Film als einer der Hauptverantwortlichen für das Desaster. Ihm sei es in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts um die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Fernsehmonopols gegangen, damit die Union dem sogenannten „Rotfunk“ in den Sendeanstalten etwas entgegensetzen konnte. Dabei habe es schon in der sozialliberalen Koalition Pläne zum flächendeckenden Glasfaserausbau gegeben, die aber wegen politischer Kurzsichtigkeit nicht umgesetzt worden seien, so Orth

          Die Osteuropäer haben bis 1989 sicherlich keine Kabinettsbeschlüsse zum Ausbau eines Glasfasernetzes verfasst und heute trotzdem die bessere digitale Infrastruktur als Deutschland. Die Erklärung findet sich in einer politischen Regulierung des Netzausbaus, welche die digitale Infrastruktur nicht mehr als gesamtgesellschaftliche Aufgabe definierte. Das wird im Film leider nicht vertieft. Dabei kam dieses Verständnis schon im Jahr 1988 gut zum Ausdruck. Damals hatte Schwarz-Schillings Ministerium auf eine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen Folgendes geantwortet: „Inwieweit bei den in Betracht kommenden kommerziellen Anwendern tatsächlich ein Bedarf an diesen breitbandigen, nur mit hohem Kostenaufwand zu realisierenden Diensten besteht, kann vorerst noch nicht abschließend beurteilt werden.“ Mit der Klärung dieser Frage ist die Politik noch heute beschäftigt: Muss wirklich jede Milchkanne digitalisiert werden?

          Selbstverständlich fehlen bei Orth auch nicht die deutschen Erfindungen, die woanders zum Kassenschlager wurden. Der MP3-Player ist das bekannteste Beispiel: In Deutschland entwickelt, machte Apple daraus ein Geschäftsmodell, revolutionierte die Musikwelt und veränderte zugleich unser Verständnis vom Leben in der Digitalisierung. An diesem Punkt werden aber auch die Defizite dieser Dokumentation deutlich. Es fehlen die Sektoren in unserer Volkswirtschaft, die die Digitalisierung bisher erfolgreich bewältigen konnten. Ansonsten wäre die deutsche Industrie nämlich schon in den neunziger Jahren untergegangen. Damals nannte man Digitalisierung allerdings noch die „dritte industrielle Revolution.“ So leidet dieser ansonsten informative Film bisweilen an einer deutschen Eigenschaft: dem Leiden der Deutschen an sich selbst.

          Den Film Digitale Verlustzone. Wie Deutschland den Anschluss verlor sendet die ARD heute um 23.30 Uhr im Ersten.

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