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ARD-Doku „Die Notregierung“ : Der Abgrund schaut zurück und fragt: Was nun?

  • -Aktualisiert am

Für die SPD sieht es in Umfragen zur Zeit düster aus. Bild: dpa

Da die SPD sich gerade selbst vernichtet, zeigt die ARD die Dokumentation zur Stunde: In „Die Notregierung“ zeichnet Stephan Lamby das Bild einer Koalition, die zwar Erfolge hat, daran aber zugrunde geht.

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          Der Film ist die Fortsetzung einer Dokumentation über die Vorgeschichte der großen Koalition. „Im Labyrinth der Macht“ ist der Sozialdemokratie ihr Ariadnefaden verloren gegangen. Nun sehen wir die Folgen. Die Zeitzeugen, die Stephan Lamby Auskunft über den Zustand der Politik geben, treten abermals aus ihrer Rolle. Sie ermöglichen Augenblicke einer Wahrheit, ohne dass sie in der Lage scheinen, Konsequenzen aus ihren Einsichten zu ziehen.

          Das visuelle Leitmotiv des Films zeigt Lambys Interviewpartner von der Seite oder von hinten vor Fenstern stehen. Ihr Blick nach draußen bleibt leer. Die Fenster sind geschlossen. Das Land verweht aus dieser Perspektive. Man muss nicht an Goethes andren Bürger denken, der sein Gläschen trinkt. Das Kriegsgeschrei der Politik ist lautlos, ohne dass es ihr an Verzweiflung mangelte. Dem „Stabilitätsanker“ der Europäischen Union geht die Stabilität flöten. Als am Samstagabend die Gewinner (von Siegern kann man nicht reden) des Wahlkampfs um die SPD-Führung bekanntgegeben werden, scheint der Sieg Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken kalt erwischt zu haben. Was machen sie aus der Verantwortung? Treten sie die Flucht nach vorne an? Oder hoffen sie, dass ihnen auf dem Weg an die Spitze der Parteitag in den Weg tritt?

          Zu Beginn des Films will Juso-Chef Kevin Kühnert, dass „was vom Parteiladen übrig bleibt“. So antizipiert man einen Scherbenhaufen. Das Nötige zu tun, dem Ruf der „Flicht“ zu folgen, das Mantra der regierenden Sozialdemokraten verwandelt sich in einen Schwanengesang. Kein Ritter ist in Sicht, der mit ihr den Ritt über den See wagt. Dem Anfang der Koalition im Frühjahr 2018 wohnt kein Zauber inne. Erschöpft haben die Partner sich zusammen gerungen. Seither bringen sie es nicht fertig, errungene Erfolge so zu vermitteln, dass sie glaubhaft Rufen nach ihrer (Selbst-)Zerstörung entgegenträten.

          Am erstaunlichsten sind die Auskünfte Horst Seehofers. Er beschreibt das Außenleben der Politik und ihre Resonanz auf sein Innenleben wie ein erstauntes altes Kind, das neben sich sitzt. Seine Konflikte mit der eigenen Partei und der Bundeskanzlerin sind Schnee von gestern. Reflexion und Handeln haben sich entkoppelt. Auch er blickt auf einen Scherbenhaufen.

          Ein erstaunlicher Zeuge ist Armin Laschet, der maliziös Kippmomente der CDU-Politik und ihrer Führung resümiert, ehe er sich dem Makel eines Fingernagels widmet, als verdiene der mehr Aufmerksamkeit. Annegret Kramp-Karrenbauer macht glaubhaft, dass sie in einen Abgrund geschaut hat. Jetzt schaut der Abgrund zurück und fragt: Was nun?

          Melanie Amann („Spiegel“) und Kristina Dunz („Rheinische Post“) sind Lambys journalistische Zeugen. Robin Alexander war unabkömmlich. Ist er zu oft bei Markus Lanz? Als Horst Seehofer am späten Abend den Rücktritt von seinem Rücktritt erklärt, steht neben ihm Edmund Stoiber, als habe er sich schon auf dem Sprung zur Nachfolge gesehen. Das Spiel aber ist aus, aus und vorbei.

          Die Hetzjagd, sich Tag für Tag erkennbar zu machen, ohne dass dies gelänge, nährt einen chronischen Selbstbefremdungseffekt. Die Frage liegt auf der Hand: Warum macht ihr euren Job nicht? Die Politiker wirken wie Getriebene, die die eigenen Ziele aus den Augen verloren haben. Gespenstisch der Augenblick, als Hans-Georg Maaßen im schwerblütigen rheinischen Tonfall die „Bild“-Zeitung vorliest und immer noch nicht verstanden hat, warum er sich unhaltbar gemacht hat. Tragikomisch die gescheiterte SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, die mit einem Täterätä ihre Karriere zerstört. Ihr Generalsekretär Lars Klingbeil: „Das ist der SPD um die Ohren geflogen.“

          Sehnsucht nach einem anderen Politikstil bleibt unbeantwortet. Die Akteure behaupten, die Signale verstanden zu haben. Ihr Handeln straft sie Lügen. Auf der Höhe der Zeit scheint ihnen die Höhenluft nicht zu bekommen. Jetzt gewinnt Peer Steinbrücks Lieblingswort von den „Fliehkräften“ dramatisch an Ausdruckskraft. Lars Klingbeil erinnert an die Freude von Politikern, auf Seite eins dieser Zeitung zitiert zu werden. Die Freude ist verständlich, aber unterschätzt den Einfluss der Generation Youtube auf die nächsten Generationen. Videoantworten der Unionsparteien auf Rezos Video verwirft Horst Seehofer als untauglich.

          Nachdem Andrea Nahles sich im Willy-Brandt-Haus von ihrer Partei verabschiedet hat, sagt sie den Journalisten vor dem Haus „Machen Sie es gut!“ und verschwindet. Das machen die Journalisten auch. Sie beschreiben den Zustand der SPD so genau, wie sie es sich selbst verwehrt. Olaf Scholz hat sich bei Anne Will ein Bein gestellt, über das er nun gestolpert ist. Bilder vom Großen Zapfenstreich für Ursula von der Leyen zeigen ihre Nachfolgerin ungewappnet für den Dresscode ihres neuen Amtes.

          Die Zentralmacht der EU wankt. Ob am Ende dieser Woche ein neuer Ruf nach „Flicht“ in der SPD Gehör findet? Die Zeichen stehen eher auf Flucht aus der Verantwortung.

          Die Notregierung – Ungeliebte Koalition, heute um 20.15 Uhr im Ersten.

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