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ARD-Doku „Die Kryptoqueen“ : Die Spur der weltweit meistgesuchten Frau

Als Herrscherin über ihr Betrugsimperium: Ruja Ignatova Bild: WDR/Onecoin

Ruja Ignatova erbeutete mit ihrer Fake-Kryptowährung OneCoin Milliarden. Ein Dokumentarfilm im Ersten erzählt die Geschichte der verschwundenen Betrügerin.

          3 Min.

          Eines der Hauptprobleme von Kryptowährungen ist – neben der fehlenden Regulierung an für Firmenniederlassungen besonders attraktiven Orten wie Hongkong, den Bahamas oder Gibraltar – dass sich immer noch vergleichsweise wenige Menschen wirklich gut mit ihnen auskennen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          So nimmt die breite Öffentlichkeit zwar gerade den Sturz des „King of Crypto“, Sam Bankman-Fried, zur Kenntnis, der als Gründer der Kryptowährungsbörse FTX schon jung Milliarden gescheffelt hatte, von Mächtigen aus Politik wie Wirtschaft ho­fiert und von Prominenten unterstützt wurde. Doch weshalb genau seine Handelsplattform in die Insolvenz krachte, Währungen wie Bitcoin und Ether nach un­ten zog und nun sogar Stars wie Gisele Bündchen vor Gericht bringen könnte; wie eine Milliarde Dollar von Kundengeldern verschwinden konnte und was das Gezocke in den FTX-Subfirmen damit zu tun hat, erscheint allgemein kryptisch.

          Fehlkakulation oder Betrug?

          Hat sich hier einer böse verkalkuliert oder auch kalkuliert betrogen? Das wird das Insolvenzverfahren zeigen. Die Lehre für allzu blauäugige Anleger ist jetzt schon, genau hinzusehen, statt blind zu vertrauen auf der Jagd nach Rendite oder einem sicheren Hafen für das Kapital. Zu­mal das Wissen darum, wie Blockchain-Währungen funktionieren, kein Allgemeingut ist. Da lohnt es sich auch, aus Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

          Et­wa aus dem strukturell völlig anders gelagerten, nämlich absolut kriminellen, psychologisch aber durchaus Parallelen aufweisenden Fall der „Kryptoqueen“ Ruja Ignatova, den der Dokumentarist Johan von Mirbach in einem so eingängigen wie aufschlussreichen Film aufrollt. Als Serie ist seine Recherche schon in den Mediatheken der ARD und von Arte zu sehen. Es ist eine Geschichte vom Sieg der Gier über den Verstand und die Moral.

          Die Milliarden-Betrügerin ist verschwunden

          Ruja Ignatova ist für einen der größten Finanzskandale der Geschichte verantwortlich. Seit 2017 ist die als Milliarden-Betrügerin enttarnte und 2019 von einem amerikanischen Gericht in Abwesenheit verurteilte Deutsch-Bulgarin verschwunden. Als einzige Frau steht sie auf der Liste der zehn meistgesuchten flüchtigen Verbrecher des FBI. Von ihrer Gymnasialzeit im baden-württembergischen Schramberg, wohin sie als Zehnjährige mit ihren Eltern zog, bis zu ihrem Verschwinden nach einem Flug von Sofia Richtung Athen verfolgt der neunzigminütige Film eine Frau, die erst ambitioniert war – eine „Spitzenschülerin“, sagt ein früherer Lehrer –, dann reich und immer reicher wurde: Indem sie, sich als ehemalige McKinsey-Kraft vorstellend, eine Kryptowährung er­fand und verkaufte, die es gar nicht gab, und das an zahllose Anleger weltweit.

          Wie war das möglich? Um es zu erklären, holt der Filmemacher frühere Weg­gefährten der Kryptobetrügerin wie ihre beste Freundin, das isländische Model Asdis Ran, oder Ignatovas einstigen Berater, den früheren Geheimdienstmann Frank Schneider aus Luxemburg, vor die Kamera, dazu Finanzexperten, Juristen und andere Rechercheure. Es entsteht das facettenreiche Porträt einer intelligenten, hart für ihre skrupellosen Ziele arbeitenden und vom Luxus besessenen Massenmanipulatorin, die auf Opfer stieß, die dem Märchen von der wundersamen Kapitalvermehrung Glauben schenkten. Drei geprellte Kleinanleger, die in Deutschland oder Uganda Erspartes verzockten, zeigen die harte Wirklichkeit.

          Der Betrug läuft immer noch weiter

          Worauf sie setzten, war, wie Philipp Bovermann von der „Süddeutschen Zeitung“ und die Wirtschaftswissenschaftlerin Michaela Hönig erklären, ein Schneeballsystem-Schwindel. Die Anleger kauften „Bildungspakte“ für fünftausend Euro, erhielten 60.000 Token – angebliche digitale Münzen der Kryptowährung OneCoin – die vermeintlich 240.000 Euro wert wa­ren, und verkauften diese gegen Kryptoprovision weiter an andere. Das „Multi-Level-Marketing“ machte Anleger zu Subunternehmern in einem System mit ausgedachten Kursen, das bei Massenveranstaltungen mit „Dr. Ruja“ auf der Bühne wie bei einer Mischung aus Popkonzert und evangelikaler Messe affirmiert wurde. Vom Kapitalzufluss profitierten diejenigen an der Spitze der Pyramide. Alle anderen wurden ausgenommen.

          Dokumentation : „Die Kryptoqueen“

          Bald wusste Ruja Ignatova nicht mehr, wohin mit all dem Geld, investierte in Im­mobilien und zog ein Netzwerk der Briefkastenfirmen rund um den Globus auf. Lockte das die bulgarische Mafia an? Wurde Ruja Ignatova ermordet? Oder lebt sie unter mächtigem Schutz in Dubai, wo OneCoin seinen Hauptsitz hatte? Die Do­kumentation kann darauf keine Antwort haben. Doch sie zeichnet nach, wie Glamour einem Lügengebäude Scheinsubstanz verlieh, das doch zusammenbrechen musste. Dass der OneCoin-Betrug auch oh­­ne Ruja Ignatova immer noch weiterläuft, unter anderem Namen und von an­deren betrieben, ist nur eine von vielen Pointen in dieser unglaublichen Ge­schichte.

          Die Kryptoqueen – Der große OneCoin-Betrug, an diesem Montag um 23.20 Uhr im Ersten und in der ARD-Mediathek.

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