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Hitzefrei-Programm bei der ARD : Der Sommer, der nicht zum Aushalten war

  • -Aktualisiert am

Fernsehen zum Abschalten: Bei „Wer weiß denn sowas?“ sind nicht nur der Moderator Kai Pflaume (links), Team-Kapitän Elton (rechts) oder Til Schweiger ratlos. Bild: ARD/Morris Mac Matzen

Wenn es darauf ankommt, führen ARD und ZDF die besondere gesellschaftliche Bedeutung ihres Programms ins Feld. Doch was senden sie wirklich? Eine Stichprobe beim Ersten weitet den Blick aufs Ganze – aufs ganze Elend. Eine Polemik.

          Die Sommerpause war in diesem Jahr bei der ARD etwas länger als der Sommer. Moderatorin Anne Will dehnte sie – mit einer Unterbrechung – auf zwölf Wochen aus. Politisch war ja auch nix los. Zehn Wochen gab es keinen neuen „Tatort“, dafür Wiederholungen im Exzess. Der amerikanische Autor Thomas Pynchon hat in dem Roman „Vineland“ aus davongekommenen kalifornischen Hippies eine Gruppe von Menschen geschaffen, die er die „Thanatoiden“ nannte. Ihre gesamte Kommunikation folgte nurmehr den Skripten der beliebtesten TV-Seifenopern der frühen siebziger Jahre. Im Geiste dieses Vorbilds formt das deutsche Fernsehen sein Publikum um. Die tägliche Ödnis sei unsere vorletzte Ölung.

          Die Radioreformer der achtziger Jahre, die die Idee des „Durchhörens“ zur Programmmaxime erhoben hatten, finden in den Wiederholungsdramaturgen der ARD würdige Nachfolger. Um keinen Preis der Welt darf der Albtraum des unbedingten Dranbleibens durch ein Aufwachen unterbrochen werden. Die Programmplaner adressieren ihr Publikum so, als habe es sich demütig zu ergeben. Pardon ist nicht vorgesehen.

          Mit Commissario Brunetti in den Sekundenschlaf

          Wer so disponiert, braucht sich nicht darüber zu wundern, dass es zu sekundären Ausfällen kommt, die in psychiatrischen Notfallambulanzen auch als Wallander-Schock bekannt sind. Dabei handelt es sich um Fälle, die im Wiederholungsexzess dieses Sommers einen Mittsommermord Kurt Wallanders versäumt haben. Nicht zu vergessen die Fälle von Donna-Leon-Narkolepsie, bei denen jedes Wort, das so ähnlich wie Commissario Brunetti klingt, Sekundenschlafepisoden auslöst.

          Das rigorose Zuhausesein des deutschen Fernsehens wird begleittherapeutisch besonders eindrücklich durch Regionalkrimis genährt. Selbst in Istanbul sprechen die Ermittler ein Bosporusbayerisch zum Davonlaufen. Ich habe mir in der Zeit vom 19. bis zum 25. August die Kante gegeben und mir vorzustellen versucht, was dieser Feldversuch aus mir gemacht haben würde. Der Feldversuch begann am 19. August um halb sechs Uhr morgens bei der ARD mit Willi, der mir die Mode erklärt, und endete am Freitag darauf mit der gefühlt millionsten Wiederholung des Paarduells, das den Familien Pilawa und Plasberg das prekäre Einkommen verzuckert.

          Bestseller-Autorin Anne Gesthuysen (M.) und Moderator Frank Plasberg (l.) bitten zum „Paarduell“, Jörg Pilawa moderiert.

          Von den Grundrechenarten ist in der Programmplanung der ARD für diesen Sommer nur das Zusammenzählen übrig geblieben. Und und und ergibt und. Dieser Undergang, das ist der Trick, bezeugt eine Selbstüberredungskunst, die so tut, als sei ihr Schwachsinn im Weltmaßstab konkurrenzlos. Die Dröhnungskrönung des ersten Tages gibt es bei der ARD mit „Wer weiß denn sowas XXL“. Wie viel Nonsens, der als Wissen falsch etikettiert wird, erlaubt ein ungenannter guter Zweck, dem 50.000 Euro winken? Der Nachrichtenkanal Phoenix versorgte – als Sedativ-Gegengift – sein Publikum um halb sieben Uhr morgens mit einer Erinnerung an den Gabelverbieger Uri Geller.

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          Wer sich auf all dies eingelassen hat, weiß einen Service der ARD besonders zu schätzen. Das ist die Option, sich in der elektronischen Programmvorschau „ähnliche Sendungen“ anzeigen zu lassen. Die Dosis macht das Gift. Bei Graf Yoster („Kultserie“) listet die Übersicht der ARD vom 19. August bis zum 9. Oktober 153 ähnliche Sendungen auf, also drei täglich. Der Stupor des Dranbleibens verhärtet nicht nur den unteren Lendenwirbelbereich des Publikums.

          Vorsicht, Kult: Lukas Amman (r.) als Graf Yoster und Wolfgang Völz als Butler Johann in einer Szene der Serie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“

          Besondere Aufmerksamkeit verdient in dieser Rückschau die Frage, welches Regionalfenster der ARD im Wettbewerb um das ödeste Angebot die Nase weit vorn hat. Das Ergebnis ist ernüchternd. Wer bisher Vorurteile etwa gegenüber einer tendenziellen DDR-Seligkeit des MDR gehegt haben mag, kommt um den Befund eines Foto-Finishs nicht herum. Sie starten alle zu früh und enden alle zu spät. Längst haben sie alle jede Erinnerung an die Flaggschiffrolle der dritten Programme erfolgreich gelöscht.

          Nur ja nicht zu tief in irgendein Thema eintauchen

          Die Paarduell-Produktion von Jörg Pilawa und Frank Plasberg ist eigens zu würdigen. Die Übersicht ähnlicher Sendungen der ARD verspricht vom 18. August bis zum 9. September 137 ähnliche Sendungen, täglich mehr als sechs, die die Idee des Wissens im simulierten Wettbewerb verhöhnen. Allein in dieser Sendewoche gibt es im ARD-Verbund 24 Paarduell-Sendungen.

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