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Pantoffelhelden-Film im Ersten : Überzuckert nachgebraut

  • -Aktualisiert am

Allan (Robert Gustafsson, r.) und Benny (David Wiberg) hecken was aus. Bild: ARD Degeto

Kassenschlager nach Rezeptur: Für „Der Hundertjährige, der die Rechnung nicht bezahlte“ gab es keine Romanvorlage. Der alternde Held jagt wieder über den Globus. Originelle Komik ist dabei nicht zu erwarten.

          „Squeeze Day“, sagt der schwedische Polizeibeamte so entschuldigend wie sozialstaatsstolz zu den angereisten Top Dogs der CIA (Colin McFarlane, Eleanor Matsuura), die verstört vor verschlossenen Kommissariatstüren stehen: „It’s a Brückentag.“ Des Weiteren kann der knuffige Inspektor Aronsson (Ralph Carlsson), den wir schon aus dem Kinoerfolg „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ kennen, das eigene Netzwerk nicht empfehlen, sondern verweist die Agenten auf den Italiener „Little Napoli“ auf der anderen Straßenseite: „Wi-Fi, it’s much better, you know, more quick.“ Szenen, in denen Kulturen kollidieren und Unterhaltungen gurgelnd im Übersetzungssumpf versinken, haben die Brüder Felix und Mans Herngren durchaus wieder witzig hinbekommen.

          Leider ist das auch schon das Äußerste an origineller Komik, was sich aus der mühsamen Zweitpressung des Stoffs, diesmal sogar ohne Romanvorlage (auch wenn Jonas Jonasson ein wenig am Drehbuch mitgedoktert hat), herausholen ließ. Allan ist immer noch der arglose Anarchist mit kindischer Freude an Explosionen, der gewissermaßen als Personifikation des rückwärts taumelnden Engels der Geschichte im bis dato verwirrtesten aller Jahrhunderte ständig in politisch entscheidende Vorgänge verwickelt war und, wenngleich inzwischen auf Pflegestufe 007 angekommen, immer noch ist: der erste Demenz-Superpantoffelheld der Kinogeschichte.

          Lebensweisheiten auf den Lippen

          Als praktizierender Stoiker hat er stets eine ausgeruhte Lebensweisheit auf den Lippen: „Wie’s kommt, so kommt’s.“ „Baden schadet ja nie.“ Immer noch sucht ein Witzschurke nach dem Koffer mit den fünfzig Millionen, über den unser verschmitzter Münchhausen (ob er wirklich Truman, Stalin, Franco und Oppenheimer auf die Sprünge half und die Berliner Mauer kippte, bleibt wohl sein Geheimnis) einst gestolpert war.

          Das Geld ist längst verjubelt. Allan Karlsson (Robert Gustafsson), sein geschäftstüchtiger Kumpel Julius (Iwar Wiklander), der scheue Benny (David Wiberg) und dessen neue Freundin Miriam (Shima Niavarani) haben es sich eben gutgehen lassen auf Bali, und selbst der in selige Amnesie getunkte Ex-Schurke Gäddan (Jens Hultén) hat seinen Frieden am Strand gefunden. Ein Schlückchen „Volkssoda“ aus einer von Äffchen Erlander aus Allans Krempel gezogenen Flasche, die trotz ihres nagelneuen Aussehens ein halbes Jahrhundert alt sein soll, lässt die Handlung allerdings flott eskalieren. Einerseits werden Erinnerungen wachgerufen, dass selbst Proust sich die Augen riebe, andererseits gilt es nun, das Rezept für das rote Gebräu aufzutreiben, um den Erdball süchtig zu machen und – Julius steht die Gier ins Gesicht geschrieben – ein Vermögen zu scheffeln.

          Abgeschmackter Post-Agententhriller

          Eigentlich sollte es kein Problem sein, an das Rezept zu kommen, denn Allan hat es seit seiner Zeit als Doppelagent aufbewahrt. Als solcher hatte er den Russen zufällig zu dieser Erfindung verholfen, die die amerikanischen Massenvernichtungswaffen Coca-Cola und Pepsi zu übertreffen versprach und nur unter viel Blutvergießen und dicken Abrüstungs-Zugeständnissen vom Markt ferngehalten werden konnte. Die Breschnew-Nixon-Spielszenen rund um den „Brause-Krieg“ sind von einiger Pracht.

          Wo die Zutatenliste aber nun genau sein könnte, das will Allans etwas altersmürbem Hirn nicht gleich einfallen. Weil er glaubt, es könne in Berlin liegen, seinem damaligen Einsatzort, machen sich Allan, Julius und Gäddan, standesgemäß die Rechnung des Luxusresorts prellend, auf die Reise. Bald gesellt sich unerkannt noch Stina (Svetlana Rodina Ljungkvist) hinzu, die von Hass auf Allan zerfressene Tochter des Agenten Popov, dem das Rezept, wie sie meint, gestohlen wurde.

          Statt seniler Bettflucht, die zu pompösen Verwicklungen von Kleistschem Humor führte (man darf an „Unwahrscheinliche Wahrhaftigkeiten“ denken), hier nun also ein im Wortsinne abgeschmackter Post-Agententhriller als Kapitalismusparodie. Als hätten die Herngren-Brüder selbst nicht so genau gewusst, was eigentlich den Erfolg des Romans und der ersten Verfilmung ausmachte, haben sie für ihr Sequel wie finsterste Brauserezept-Kopisten so gut wie alle Figuren und Handlungselemente übernommen, selbst das Fenster im Altenheim von Malköping wird wieder durchklettert, und einfach einen weiteren Plot drum herum gezimmert, der auch noch arg windschief geraten ist.

          So ergibt sich eine überladene Erzählung, die nicht mehr an der Seite des sorglos in den Tag hinein lebenden Antihelden souverän durch die Zeitgeschichte mäandert – der Bezug des Romans zu Woody Allens nicht ganz so harmloser Chamäleonfigur „Zelig“ oder zum wiederum pathologischeren „Forrest Gump“ wurde oft herausgestellt –, sondern zur trüben Klamaukklamotte zerfasert, in der jeder Rest von Magie einem hysterischen Affenzirkus gewichen ist.

          Immerhin scheint es auch dem traurig durch die überzuckerte Handlung schleichenden Helden, der diesmal mit Intimtattoos aufzuwarten und gar seinen Methusalem im Bett zu stehen hat, irgendwann egal zu sein, was aus dem Rezept nun eigentlich wird. Da helfen schließlich nur noch Explosivstoffe.

          Der Hundertjährige, der die Rechnung nicht bezahlte und verschwand, um 22.45 Uhr im Ersten

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