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Fernsehfilm „Aufbruch“ : Versunkene Zeiten

  • -Aktualisiert am

Sie schreibt sich etwas von der Seele: Anna Fischer spielt Hilla Palm. Bild: WDR/Thomas Kost

Mit dem Film „Aufbruch“ blickt die ARD auf die Bundesrepublik in den Sechzigern, vor der Studentenrevolution. Waren das bleierne Jahre? Die junge Hilla Palm weiß sie jedenfalls für sich zu nutzen.

          Als Ulla Hahn 2009 die Fortsetzung ihres autobiographisch gefärbten, im Rheinland der fünfziger Jahre angesiedelten Romans „Das verborgene Wort“ herausbrachte, erzählte sie in einem Verlagsinterview, ihr sei während der Arbeit an dem neuen Buch über die frühen sechziger Jahre „klargeworden, wie versunken diese Zeit ist“.

          Sieben Jahre nach der Veröffentlichung gilt das erst recht, und die Generation der wie Ulla Hahn um 1945 Geborenen, die sich einmal viel vornahm, schwindet dahin. Die Verfilmung des Romans „Aufbruch“, für die abermals (wie schon die preisgekrönte Verfilmung des ersten Bandes) Hermine Huntgeburth und Volker Einrauch sorgen, versteht das als zentralen Auftrag: die Übergangsjahre zwischen den muffigen Fünfzigern und Achtundsechzig in Erinnerung zu rufen - einschließlich des rheinischen Dialekts.

          Der Dialekt ist etwas hölzern

          Dieser Dialekt wird von den Schauspielern etwas hölzern intoniert. Aber das schadet nicht, weil es auch hier darum geht, einen „Aufbruch“ zu markieren: Das Kölsche steht im Kontrast zur präzisen wissenschaftlichen und poetischen Sprache, um die Hilla Palm, die jugendliche Protagonistin, kurz vor dem Abitur ringt. Sie verabschiedet sich von der Sprache ihrer Herkunft, um eine oder mehrere neue für sich zu entdecken, während sie bewusst ein Umfeld sucht, das ihrem Elternhaus fremd ist.

          © ARD
          Der Film „Aufbruch“ läuft am 7.12 um 20.15 Uhr in der ARD.

          Der Vater, ein einfacher Arbeiter (Ulrich Noethen), radelt jeden Morgen in eine rauchschwadenumnebelte Fabrikwelt. Er ist alles andere als frei und aus Furcht vor der nächsten Rationalisierungswelle selbst zu privaten Gefälligkeiten für den Chef bereit. Hilla stößt das bei allem Mitgefühl ab. Sie will mehr erreichen als die „stumpfsinnige Büroausbildung“, die ihre Mutter, eine Putzfrau (Margarita Broich), für sie vorgesehen hat. Und sie kann mehr erreichen: Unterstützt von der Kirchengemeinde, darf Hilla, die von Anna Fischer ebenso mädchenhaft wie wandlungsfähig gespielte Bildungsaufsteigerin, auf ein Gymnasium wechseln.

          Dort hängen zwar auch im Jahre 1963 noch Landkarten an der Wand, die an die verlorenen Gebiete im Osten erinnern. Doch manche Lehrer versenken sich so leidenschaftlich in Klassiker wie Hilla. Sie schlagen aktuelle Bücher auf wie Bölls „Ansichten eines Clowns“, animieren die Schüler - 1963 beginnen die Auschwitz-Prozesse - in den Familien die Hitler-Jahre zur Sprache zu bringen. Hilla ist hellauf begeistert.

          Ihre Tochter geht neue Wege: Margarita Broich und Ulrich Noethen spielen die Eltern Palm.

          Ihrem Freund, Sohn eines Wirtschaftswunderland-Industriellen, erzählt sie mit leuchtenden Augen, sie wolle Germanistik, Geschichte und etwas Kunstgeschichte studieren. Oder Soziologie. Oder Psychologie. „Versunkene Zeit“, wie gesagt. Die Schulen und Hörsäle, die gezeigt werden, sehen nicht anders als viele Schulen und Hörsäle heute. Nur waren sie damals noch neu.

          Die Schattenseiten der Aufbruchszeit spart der Film auch abseits der Schule nicht aus. Hillas Vater, den Ulrich Noethen mit innerer Verhärtung, aber zugänglichem Charakter spielt, erinnert sich gut an die Nazis im Ort. Die Szene einer Vergewaltigung erwischt den Zuschauer kalt. Mit ihr schlägt eine bis dahin unaufgeregte, zur Suche nach Ausstattungsdetails wie den Titeln auf Buchrücken einladende Literaturverfilmung für einen Moment ins Drastische um. Dreh- und Angelpunkt des Films bleibt eine Lesung, die Hilla Palm, nunmehr erwachsen, in einem Antiquariat gibt. „Lieben lernen“ ist der präsentierte Band überschrieben. Die Zeilen, die wir anfangs des Films hören, stammen aus Ulla Hahns Gedicht „Worte“, die am Ende aus „Leises Licht“. So sieht solides Literaturfernsehen aus, ohne Experimente.

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