https://www.faz.net/-gqz-6wzb7

Apples Bildungsoffensive : Das Buch ist reif für seine digitale Auflösung

Von Apple lernen heißt, aufs iPad vertrauen: Dass der Apple-Marketingchef Philip Schiller meint, das solle Schule machen, versteht sich von selbst Bild: Fred R. Conrad/The New York Times

Apple will das Lernen und Lehren revolutionieren. Was sich gemeinnützig gibt, ist in Wahrheit der nächste Schachzug, um schon Kinder an die Firma zu ketten.

          Schon wieder eine Revolution, made by Apple. Ausgerufen wurde sie mit dem vertrauten Überschwang, der auch nach dem Tod von Steve Jobs firmenüblich geblieben ist, im New Yorker Guggenheim Museum. Die Nerds von den neuen Medien, sollte da wohl bedeutet werden, haben durchaus Respekt vor den alten. Oder auch: Roll over, Guggenheim! Wobei das Guggenheim als Sinnbild für ein vielleicht noch nicht ganz entbehrliches, aber auf jeden Fall hilfsbedürftiges Kommunikationsmodell zu gelten hätte. Apple kommt zu Hilfe, weil die Firma sich dafür prädestiniert fühlt, wie Philip Schiller, einer der führenden Jeansträger aus der kalifornischen Zentrale, in New York erklärt: „Apple lebt am Kreuzungspunkt von Geisteswissenschaften und Technologie.“

          Jordan Mejias

          Feuilletonkorrespondent in New York.

          Dort soll nun die Welt des Lernens und Lehrens neu erfunden worden sein. Wer bei iBooks einkauft, hat ab sofort die Möglichkeit, sich bei iBooks 2 mit Lehrmitteln zu versorgen. „We love books“, versichert Schiller zwar, aber mit den herkömmlichen Schulbüchern können die Leute von Apple nicht mehr viel anfangen. Die sind ihnen zu schwer, zu teuer, zu empfindlich. Was das Schulbuch in Gestalt eines iPad anzubieten hat, soll interaktiv, wahrlich kinderleicht zu durchsuchen und zu aktualisieren sein. Ob es auch widerstandsfähiger als seine Vorgänger ist, sei einmal dahingestellt. Verständlich aber, dass auch der Evolutionsbiologe E. O. Wilson, der im Guggenheim dabei war, sich über die Videos und Animationen in 3D begeistert, die jeden Schüler in die Lage versetzen, einem Insekt unter die Flügel zu schauen oder eine DNA-Struktur in Bewegung zu bringen.

          Jeder soll nun Schulbuchautor werden

          Diesen radikal dynamisierten Lehrstoff liefert Apple nicht selbst. Die Schulbuchverlage werden also nicht überflüssig, im Gegenteil, sie werden dringend gebraucht, um multimedialen Content herbeizuschaffen. Statt Texten müssen sie jetzt freilich interaktives Hybridmaterial im Angebot haben. Pearson, McGraw-Hill, Houghton Mifflin Harcourt und DK Publishing sind als Partner von Apple bereits am Wirken, müssen dann aber auch dreißig Prozent des Verkaufspreises eines Buches, das bis zu fünfzehn Dollar kosten dürfte, an den technologischen Mittler überweisen.

          Und so sieht das neue Schulbuch aus: Angebote des Lehrbuchverlags Pearson, der einer der Kooperationspartner von Apple ist

          So weit herrscht einigermaßen Harmonie. Sorgen machen könnte der alten Garde allerdings iBooks Author, die nächste kostenlose App, die Apple im Guggenheim aus dem Hut zog. Jeder soll nicht bloß Autor sein, sondern als Autor ein Schulbuch hervorbringen können. Layout, Paginierung, graphische Gestaltung, Überschriften, Zwischentitel, alles ist „easy!“, „fun!“ und „free!“ Angesichts des langwierigen Entstehungsprozesses herkömmlicher Bücher wird ein „totales Wunder“ verheißen.

          Weitere Themen

          Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille Video-Seite öffnen

          Robert Menasse : Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille

          Für seine Verdienste um die deutsche Sprache würdigte Malu Dreyer den Autor Robert Menasse „als großen Erzähler der Gegenwart“, der seit mehr als drei Jahrzehnten nicht aus der deutschsprachigen Literatur wegzudenken sei.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.