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Edo Reents (edo.)

Apple will Gesichter lesen : Fresse

  • -Aktualisiert am

Die Welt ist nicht genug, und schon gar nicht das Armaturenbrett: Apples „CarPlay“ wird im August 2015 in einem Auto der Marke Honda vorgeführt. Bild: AP

Apple hat einen Spezialisten für Gesichtserkennung gekauft, um diese Technik, so wird spekuliert, in Autos anzubieten. Wohin das führt? Noch eine Spekulation.

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          Das Leben des Menschen teilt sich auf wie folgt: Ein Drittel verbringt er im Bett, ein Drittel im Auto, und ein Drittel macht er etwas anderes, lesen vielleicht oder Auto waschen, manche tun auch einfach mal nichts. Heute sitzt der Mensch vorm Computer oder starrt auf sein verdammtes iPhone. Wahrscheinlich tut er dies schon zu mehr als einem Drittel, und wenn nicht, dann ist es bald so weit, Apple hat sich bisher noch immer etwas einfallen lassen, den Menschen von sich und seinem Leben abzulenken, ihn da gewissermaßen immer weiter herauszuziehen, hinein in Sphären, in denen er sich noch besser unterhalten, kontrollieren und, was seine „Daten“ und sein Geld betrifft, ausbeuten lässt. Das ist so; es ist zwecklos, jedes Mal, wenn Apples neuester Schach- oder Winkelzug bekannt wird, dagegen zu protestieren.

          Und die Leute freuen sich ja auch ganz ehrlich aufs nächste Gerät. Deswegen ist es auch absolut folgerichtig, dass die Firma nun die Übernahme des Softwareunternehmens Emotient bekanntgegeben hat; es muss schließlich weitergehen mit der Mission, aus der Welt einen schlechteren Ort zu machen. Und das geht mit künstlicher Dummheit nach wie vor am besten. Emotient liefert nämlich im Allgemeinen künstliche Intelligenz und im Besonderen Apparate zur Erkennung von „Emotionen“ (was immer das für Dinger sind).

          Ein Zeichen der Zeit: Das Jugendwort des Jahres 2015 war „Smombie“ – ein Kofferwort aus den Begriffen Smartphone und Zombie. Es beschreibt unter anderem Menschen, die andere Menschen anrempeln, weil sie nur noch auf das Display ihres Smartphones starren.
          Ein Zeichen der Zeit: Das Jugendwort des Jahres 2015 war „Smombie“ – ein Kofferwort aus den Begriffen Smartphone und Zombie. Es beschreibt unter anderem Menschen, die andere Menschen anrempeln, weil sie nur noch auf das Display ihres Smartphones starren. : Bild: dpa

          Der herkömmliche, zu einem Drittel schlafende, zu einem Drittel autofahrende, zu einem Drittel arbeitende und faulenzende Mensch würde vielleicht sagen: Soll’n se ruhig, ich hab nichts zu verbergen. Doch die Sache ist anspruchsvoller. Zentral ist dafür die Gesichtserkennung – eine immer noch unterschätzte Tätigkeit. Mit dem bloßen Erkennen ist es keineswegs getan.

          Das können sogar Politiker, man denke an den ehemaligen Kanzleramtsminister Pofalla, der seinem Parteifreund Bosbach einmal gestand: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Dabei ging es nur um irgendwelche Euro-Rettungsschirme, Kleinigkeiten also, verglichen mit dem Rad, an dem Apple die ganze Zeit dreht. Man hat dort jetzt Folgendes vor: Apple will, so wird spekuliert, eines wahrscheinlich gar nicht mehr fernen Tages dafür sorgen, dass diese Gesichtserkennungsvorrichtung in Autos zur Anwendung kommt. Am Gesichtsausdruck des Fahrers, seiner „Fresse“ also, will man dann auf dessen Müdigkeitsgrad schließen. Das kann funktionieren, dazu dürften selbst diese Apparellos nicht zu dusslig sein. Aber was ist mit den dermaleinst selbstfahrenden Autos? Bei denen ist es ja egal, ob der Fahrer gerade am Einnicken ist, er kann ja zur Not auch komplett durchschlafen.

          Die volle Unabhängigkeit: Googles „Self-driving vehicle“ kommt im öffentlichen Straßenverkehr ohne Fahrer aus. Mit einer Gesichtserkennungssoftware könnte trotzdem gelesen werden, ob der Mensch im Auto nicht doch lieber selbst fahren würde.
          Die volle Unabhängigkeit: Googles „Self-driving vehicle“ kommt im öffentlichen Straßenverkehr ohne Fahrer aus. Mit einer Gesichtserkennungssoftware könnte trotzdem gelesen werden, ob der Mensch im Auto nicht doch lieber selbst fahren würde. : Bild: dpa

          Nun, Apple wird schon noch ein Erkenntnisinteresse entwickeln, Träume vielleicht, die man vom schlafenden Gesicht abliest, oder das Bedürfnis nach Nahrungsaufnahme, wenn das Auto selbst schon lange keinen Durst mehr hat. Alles wird aus den Angeln gehoben sein. Die Welt war Apple von Anfang an nicht genug, auch die Träume wird man schon noch erobern. Aber das ist Zukunftsmusik. Was sagte Pofalla damals eigentlich noch zu Bosbach? Wir wissen es und stehen nicht an, es trotz einer gewissen Unflätigkeit wortgetreu mitzuteilen: „Du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt.“

          Edo Reents
          Redakteur im Feuilleton.

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