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Beschattung per App : Sie werden verfolgt!

  • -Aktualisiert am

Wenn die Follower im Netz nicht mehr reichen: Die App „Follower“ liefert reale Beschattung auf Bestellung, inklusive Beweisfoto. Bild: Videoscreenshot

Die Künstlerin Lauren McCarthy hat eine App entwickelt, mit der man reale Follower bestellen kann. Was passiert, wenn aus digitaler Beschattung echte wird?

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          Einen Follower auf Twitter oder in anderen sozialen Netzwerken zu haben ist keine Kunst. Nach ein paar Mausklicks hat man die ersten anderen Nutzer an den virtuellen Hacken. Doch wie wäre es, wenn einem wirklich jemand folgte? Mit der App „Follower“ kann man sich einen analogen Beschatter ordern, der einen wie ein Privatdetektiv observiert, ohne sich selbst blicken zu lassen. Wer diesen Dienst nutzen will, erhält am Morgen eine lapidare Meldung: „Ihr Follower folgt Ihnen nun. Sie werden ihn nicht sehen, aber er ist da und verfolgt alles, was Sie tun.“ Im Lauf des Tages erhält der Verfolgte ein Beweisfoto, das ihn aus der Perspektive seines Followers zeigt. „Ich habe dich beobachtet!“ Das klingt gruselig und nach einem irren Experiment.

          Entwickelt hat die App die New Yorker Künstlerin und Programmiererin Lauren McCarthy. Sie sagt: „Einerseits ist Überwachung allgegenwärtig und außer Kontrolle geraten, andererseits haben wir diesen intensiven Wunsch, gesehen zu werden und jedes intime Detail unseres Lebens zu teilen.“ Wie reagieren Menschen, wenn sie wissen, dass sie beobachtet werden? Diese Frage stellte sich Lauren McCarthy. Nutzer von Uber oder TaskRabbit können auf einer Karte verfolgen, wie sich ihr Gegenüber auf den eigenen momentanen Standort zubewegt. „Ich wollte das umkehren“, sagt die Künstlerin. Die Leute, die über ihre App einen realen Follower buchen, wissen nur, dass da eine Person ist, die sie beobachtet, mehr nicht. Es ist ungefähr so, als würde bei einer Sendungsverfolgung das Paket den Adressaten verfolgen und nicht andersrum. So entsteht ein Vexierspiel, bei dem unklar wird, wer denn nun Subjekt und wer Objekt des Handelns ist.

          Lauren McCarthy in der Rolle der Beschatterin

          Zuerst testete Lauren McCarthy die Anwendung in San Francisco, weil es das „Mekka der Gig-Economy“ ist, des Ablegers der Digitalbranche, in dem man sich von Auftrag zu Auftrag hangelt. Autofahrten für Uber übernehmen zum Beispiel – oder eben jemanden auf Bestellung per App beschatten. Lauren McCarthy schlüpfte selbst in die Rolle der Followerin. Fünfzehn Leuten ist sie gefolgt: auf deren Spaziergängen oder dem Weg zum Büro. Manche Beschattete seien den ganzen Tag nicht aus dem Haus gegangen, erzählt die Künstlerin. Sie dringe als Follower zwar nicht in reale Wohnzimmer ein, aber doch in einen intimen Raum. „Ich saß außerhalb des Gebäudes, dachte über die Menschen, denen ich folgte, nach und sah auf meinem Smartphone, wie sie von Zimmer zu Zimmer gingen“ – in Gestalt eines Punkts auf der GPS-Karte. Big Brother ante portas.

          Das Experiment habe auch ihre eigene Wahrnehmung verändert, weil sie die Stadt aus der Perspektive der Menschen gesehen habe, die sie beschattet habe. Aber ob sie diesen tatsächlich nahegekommen sei? Es gab Momente, da habe es sich angefühlt, als spielten die Verfolgten für sie eine Art Theater: Sie setzten sich im Restaurant ans Fenster oder übernahmen bei der Arbeit mehr Aufgaben. Lauren McCarthy fragte sich, ob das jetzt wirklich das reale Leben war. Und sie begann, über das, was der Verfolgte als Nächstes tun könnte, zu spekulieren. Es war, als spiele sie Google.

          Sie folgt den Nutzern bis zum Sonnenuntergang

          Die Nutzer der App können wählen, ob sie verfolgt werden oder selbst der Follower sein wollen – wobei letztere Wahl nur vorgegaukelt ist, in jedem Fall übernimmt Lauren McCarthy die Rolle des Schattens. „Ich wollte kein Sicherheitsrisiko eingehen“, betont sie. Es sei Teil ihres Kunstprojekts, Leute darüber nachdenken zu lassen, welche Rolle sie lieber einnähmen. Bis die App eine offizielle Erlaubnis vom App-Store bekam, dauerte es Wochen. Jemand von Apple habe gefragt, ob es sich um eine Stalker-App handele. Die Künstlerin hielt dagegen: Stalking sei ungewollte Aufmerksamkeit, in diesem Fall aber sei sie ja gewollt. „Ich folge den Nutzern bis zum Sonnenuntergang. Wenn es zu Ende ist, werden sie benachrichtigt und erhalten ein Foto, das ich im Lauf des Tages von ihnen aufgenommen habe.“

          Lauren McCarthy demonstriert mit ihrem Experiment, wie vage die Grenze zwischen Überwachung und Privatsphäre ist und dass Menschen aus purer Neugierde Überwachung akzeptieren. Darf ein Freund die E-Mails oder SMS lesen? Darf uns ein Fremder auf der Straße folgen? Die App „Follower“ hält ihren Nutzern den Spiegel vor. Als Nächstes startet sie in New York.

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