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Anwaltsserien bei RTL : Gegen die Vorschriften gibt's ja Anwälte

Nur vermeintlich geläutert: Niels Ruf als „Herzog” Bild: RTL

In beiden Serien geht es um Juristen, und beider Weg ins Fernsehen war beschwerlich. Sonst aber haben die neuen RTL-Produktionen „Die Anwälte“ mit Kai Wiesinger und „Herzog“ mit Niels Ruf wenig gemeinsam.

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          Auf den ersten Blick könnte man mal wieder einen Trend ausrufen: Die Anwaltsserien sind zurück. Nach dem Amerika-Import „Shark“ bei Vox mit James Woods als selbstverliebtem Staatsanwalt (siehe: Die neue Serie „Shark“ bei Vox) starten heute und morgen bei RTL zwei weitere Serien rund um die professionellen Vertreter oder auch Verdreher des Rechts.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nehmen in „Die Anwälte“ gleich fünf Juristen die Arbeit auf, so gibt der Scheidungsspezialist „Herzog“ den Einzelkämpfer. Sollte es sich aber tatsächlich um einen Trend handeln, so wäre es kein sehr frischer. Beide Serien haben nämlich außer dem Milieu eine zweite Gemeinsamkeit: Ihr Weg auf den Bildschirm war äußerst lang und steinig.

          Hohe Ambitionen

          Die Pilotfolge der „Anwälte“ hat mit Miguel Alexandre ein Mann inszeniert, der als Regisseur des Films „Grüße aus Kaschmir“ den Grimme-Preis erhielt und mittlerweile Großprojekte wie „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ stemmt. Das Buch schrieb der für „Edel & Starck“ gefeierte Marc Terjung, Gaststar ist der stets vortreffliche Christoph Waltz. Als einer der fünf Anwälte schließlich ist mit Kai Wiesinger ein populärer Kinoschauspieler in seiner erste Serienhauptrolle zu sehen. Die Besetzung zeugt von hohen Ambitionen - doch genau jene haben sich für die Ausstrahlung als hinderlich erwiesen. Ende 2005 schon hatten in Hamburg die Dreharbeiten begonnen, gesendet werden sollte im April vergangenen Jahres. Nachdem jedoch auf dem vorgesehenen Sendeplatz die thematisch verwandte „Familienanwältin“ mit Mariele Millowitsch grausam floppte, wollte RTL nicht das Wagnis eingehen, eine weitere Eigenproduktion am Publikum vorbeizusenden.

          Fünf Juristen in Serie: „Die Anwälte”

          Mit einiger Verspätung treten „Die Anwälte“ nun doch noch ihren Dienst an. Einer nach dem anderen erscheint anfangs im gigantischen Foyer, ruft der Anwaltsgehilfin im Vorübergehen etwas zu, schlägt Türen auf oder zu wie in einem beschleunigten Boulevardtheater. Nach dieser ein wenig drolligen Simulation des hektischen Kanzleibetriebs wird das Tempo gottlob gedrosselt und dem Zuschauer die Gelegenheit gegeben, die verschiedenen Charaktere näher kennen zu lernen. Neben dem routinierten Kanzleichef (Alexander Held) gibt es die engagierte Familienrechtlerin, die eine private Tragödie verarbeiten muss (Julia Bremermann), die ehrgeizige Junganwältin (Caroline Vera), den unverschämt selbstbewussten Neuzugang mit dunkler Vergangenheit (Johann von Bülow) und den von Wiesinger gespielten Sebastian Britten, Bonvivant mit empfindsamem Gemüt.

          Facettenreiches Ensemble

          Wie in guten Anwaltserien üblich, werden auch hier das facettenreiche Ensemble sowie die unterschiedlichen Arbeitsfelder der Protagonisten genutzt, um die Schwere der großen Themen Tod und Leben, Verbrechen und Strafe durch Skurriles aufzulockern: In der ersten Folge ist es eine alte Dame, die gemeinsam mit ihrem vorsorglich im Tiefkühlfach gelagerten Hund beerdigt werden möchte. „Das ist gegen die Vorschriften“, gibt Britten zu bedenken, worauf die Mandantin entgegnet: „Gegen die Vorschriften gibt's doch Anwälte!“ Nicht alle Dialoge der Serie sind so pointiert, doch lassen die entwicklungsfähigen Figuren und durchaus überraschende Wendungen der Auftaktfolge ahnen, dass das Genre hier zwar nicht neu erfunden, ihm sicher aber auch keine Schande gemacht wird.

          Ganz anders liegt der Fall bei „Herzog“. Auch diese Comedy war eine schwere Geburt: Schon 2004 hat der Hauptdarsteller das Konzept entwickelt. Niels Ruf hatte Ende der neunziger Jahre als Moderator der Viva-2-Show „Kamikaze“ die Grenzen des Erträglichen ausgelotet und lustvoll überschritten: Mit Mikrofon-Attacken auf arglose Mitbürger, sexistischen Ausfällen, ungezügelter Pöbelei und Witzen auf Kosten von Randgruppen errang Niels Ruf Heldenstatus beim halbstarken männlichen Publikum. Für seine Missetaten büßte er länger als andere Medien-Nervensägen und tauchte erst unlängst als Late-Night-Mann beim Digitalkanal Sat.1 Comedy wieder auf, wo er sein Werk fortsetzt, indem er sich mit Wachs die Nasenhaare entfernen lässt und sie anschließend einer Zuschauerin aufdrängt.

          Als Scheidungsanwalt Herzog will er sich nun einreihen in die illustre Riege geliebter Fernseh-Fieslinge wie Dr. House oder Stromberg; doch wo bei jenen sich hinter der Ekelfassade tragische Abgründe auftun, bleibt Rufs Anwalt so flach und uninteressant wie ein Aktenordner. Und um seine alten Fans nicht zu enttäuschen, klopft Ruf zu allem Übel obszöne Sprüche en masse und ruft einer Frau zu: „Geh mal raus und zähl' die Knoten in deiner Brust.“ Das kann man provokant nennen, auch gewagt - oder einfach: widerwärtig.

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