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ARD-Serie „Dimitrios Schulze“ : Er kennt sein Revier

  • -Aktualisiert am

Anwalt vor Fototapete: Dimitrios Schulze (Adam Bousdoukos) an seinem Arbeitsplatz. Bild: SWR/kurhaus production/Johannes

Der Anwalt Dimitrios Schulze hat kein astreines Examen, doch er kennt seine Pappenheimer und boxt sie vor Gericht durch. Die ARD setzt auf die Mannheimer Original-Figur große Hoffnungen.

          „Hey, Bro‘. Ruf ihn an. Egal wie und was, der kümmert sich drum. Und zwar in echt. Kein Gelaber“: Er kümmert sich um den Mannheimer Kiez Jungbusch, den andere „sozialen Brennpunkt“ nennen, um die Probleme der kleinen Leute, um die handfeste Multikulti-Atmosphäre, den Klischee-Gemüseladen seiner Mutter, um junge Drogenabhängige und Möchtegernzuhälter, um Kleinkriminelle und große Sachen. Dank Dimitrios Schulze (Adam Bousdoukos) bekommen in Jungbusch weder Stadtteilsozialarbeiter mit rosa Brille noch linke Sozialromantiker oder rechtspopulistische Stimmenfänger einen Fuß auf die Erde. Schulze passt auf alle und alles auf. Wobei Anwalt nicht sein Beruf, sondern seine Berufung ist. Hier in Mannheim, davon ist der charmante Filou mit der großen Klappe überzeugt, braucht es keinen anderen als ihn, er ist der Beste. An Sendungsbewusstsein und Superheldenattitüde mangelt es ihm nicht.

          Dass eine Hausdurchsuchung den Verdacht erhärten soll, er habe beim Examen betrogen, mithin seine Anwaltszulassung hinfällig sein könnte, dass Mutter Schulze (Despina Pajanou) Dimis Intimfeind und Grundschulkumpel, den Revierpolizisten Sultan Cakmak (Kida Khodr Ramadan), resigniert fragt, was er schon wieder angestellt habe - „er war wieder illegal“ -, dass er seine Angeklagten mit Kronzeugendeals raushaut und per Rap-Videos Eigenwerbung für die Klienten zurechttanzt, macht ihn zu einem der Ihren. Und selbst wenn man seiner Glaubwürdigkeit misstraut, kann man ihm nicht dauerhaft widerstehen.

          Die Rappergesten müssen stimmen

          Dafür, dass Rappergesten und Dancemoves authentisch wirken, sorgt Assistentin Aishe (Sara Fazilat) mit ihrer bei Youtube erworbenen Bildungsbiographie. Sie inszeniert die „Street Credibility“ für den Boss. Wenn „twerken“ angesagt ist und er sich für das Dauerwackeln mit dem Hinterteil auch zu alt vorkommt: Schulze ist sich für nichts zu schade, um das Geschäft voranzubringen, nach dem Motto: Ich bin euer Bro. Ruft mich an, wenn ihr in Schwierigkeiten seid. Über den Rest können wir reden. Wenn mich meine Mama lässt und die Richterin Eszter Petöfi (Eleonore Weisgerber) ein Einsehen hat.

          Eine gelungen aktualisierte Mischung aus „Anwalt Abel“, „Liebling Kreuzberg“ und „Türkisch für Anfänger“ zeigt Fred Breinersdorfer mit seiner neuen Anwaltsserie „Dimitrios Schulze“. Wer die Zutaten dieser mit großer Zuneigung zu den Figuren entworfenen und unterhaltsam geschriebenen Dialoge betrachtet, könnte sich zunächst einmal an den Kopf greifen: Ein Deutschgrieche und ein Deutschtürke - Schulze und Cakmak - im Dauerclinch um den Einfluss im Kiez; Bewährungstäter, die tagsüber das Fitnesscenter bevölkern, in dessen Kellerraum Dimi Schulze vor griechischer Fototapete den Chef spielt. Gegen seine Freundin Abeo (Zodwa Selele), Inhaberin eines Brautmodengeschäfts, hat Dimis Mutter etwas, „weil sie aus Ludwigshafen kommt“. Ex-Freundin Laura Pellegrini (Liane Forestieri), ebenfalls Anwältin, hat ihn als Liebesschuft und Examensbetrüger angezeigt.

          Gegenspieler: Richterin Petöfi (Eleonore Weisgerber) und Polizeikommissar Sultan Cakmak (Kida Khodr Ramadan) sehen den Anwalt Schulze eher skeptisch.

          Während Dimitrios also auch als Anwalt in eigener Sache Frau Petöfi die Einkäufe trägt und seine Nichte fürs Mopsausführen und Ausspionieren der Richterin engagiert, versucht er die drogenabhängige Diebin Samira (Gizem Emre) zum Entzug zu überreden. Als deren Freund und Dealer Yasser (Burak Yigit) im Transporter der Kleinunternehmerin vom Bau, Alexa (Katharina Hauter), blutüberströmt gefunden wird, hat er den dritten Fall an den Hacken.

          Der Anschein der Gewolltheit trügt. Regisseur Cüneyt Kaya inszeniert Breinersdorfers Buch, den Jungbusch-Kosmos und vor allem den Kiezhelden Dimitrios Schulze überraschend frisch. Klischees werden auf die Spitze getrieben, bis sie lachhaft wirken. Die Kamera von Ralf Noack fängt den Stadtteil als Hauptfigur ein. Vor allem aber gelingt Breinersdorfer und den Hauptdarstellern Bousdoukos und Ramadan die sympathische Zeichnung nur auf den ersten Blick großspuriger Möchtegernhelden. Sie beweisen vor allem Größe im Aufstehen, nachdem sie wieder einmal auf die Nase gefallen sind. Sie haben Nehmerqualitäten. „Dimitrios Schulze“ ist ein würdiger Amtsnachfolger in der vorübergehend vakanten, traditionsreichen Position des „Kleine-Leute-Anwalts mit Herz“ im deutschen Fernsehen.

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