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Massaker und Medien : Frankreich diskutiert über die Berichterstattung

Inwiefern Journalisten die Einsatzkräfte beim Arbeiten behindert haben, muss noch geklärt werden. Bild: dpa

Am Tag des Massakers in Paris liefen die französischen Medien auf Hochtouren. Dabei kam es zu erstaunlichen Fehlleistungen. Über diese wird jetzt in Frankreich diskutiert.

          Der verletzt auf dem Boden liegende Polizist bittet um Gnade - und wird von dem Attentäter erbarmungslos erschossen. Es ist die bedrückendste Szene, die in den vergangenen Tagen im Fernsehen zu sehen war. Das Magazin „Le Point“ hat sie auf das Titelblatt gesetzt. Aufgenommen wurde sie von einem Anwohner, beim Attentat auf „Charlie Hebdo“ waren die Sender und Fotografen erst später vor Ort.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Ihre große Stunde schlug am Freitag, als sich die Brüder Kouachi in einer Druckerei verschanzt hatten und kurz darauf die Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt begann. Am Abend, nach ihrer Beendigung und dem Tod der Terroristen, twitterte Alain Weill, der Eigentümer des Nachrichtensenders BFM TV, die Einschaltquoten (vom Vortag): Er hatte zum ersten Mal in seiner Geschichte die höchsten Marktanteile. Später entschuldigte er sich für diese „Ungeschicklichkeit in der Hitze des Gefechts“.

          Nicht entschuldigt hat sich der Sender für eine unverantwortliche Fehlleistung: Am Nachmittag meldete er während der Live-Übertragung, dass sich eine Frau in der Kühlkammer versteckt habe. Sie war nicht die Einzige, aber ihre Familie hat wegen der Gefährdung ihres Lebens bei der Medienaufsicht CSA Klage eingereicht. Der CSA hat für Donnerstag alle Sender zu einer Sitzung eingeladen, bei der es um das Verhalten der Medien geht. Die Medienbehörde hatte einen Aufruf zur Mäßigung erlassen und das Innenministerium die verantwortlichen Redakteure angerufen.

          „Wir können nicht so tun, als ob es keine Konkurrenz gäbe“

          In der Verwirrung gleich nach dem Attentat müssen auch dem Journalisten Jean-Paul Ney alle Sicherungen durchgebrannt sein. Er brachte den Namen eines dritten Verdächtigen ins Spiel. Die Gratiszeitung „Metronews“ verbreitete ihn weiter, und schnell übernahmen ihn auch renommierte Medien - während der Junge noch in der Schule war. Am Abend kündigte „Libération“ die Verhaftung aller drei Verdächtigen an. Europe 1 sprach von der Festnahme des Geiselnehmers Amedy Coulibaly, kurz bevor er erschossen wurde. Vor dem Eingreifen mussten die Polizisten im Hause gegenüber wartende Reporter, die zum Teil von den Balkons aus filmten, zum Verlassen auffordern: „Solange es Live-Bilder gibt, können wir nicht loslegen.“ „Wenn ihr nicht da wärt, hätten wir sie schon lange gefasst“, sollen Polizisten mehrfach zu Journalisten gesagt haben. Ob diese die Arbeit der Einsatzkräfte wirklich behinderten, muss im Detail abgeklärt werden. Der relativ junge Nachrichtensender BFM TV, der bei früheren Fahndungen eher dilettantisch berichtet, skrupellos gefilmt und auch Fehlinformationen verbreitet hatte, war diesmal durchaus um Zurückhaltung besorgt. Er zeigte den Mord an dem Polizisten nicht und nannte die längst zirkulierenden Namen der Attentäter erst, als sie offiziell von der Polizei ausgeschrieben wurden.

          Auch die Polizeiaktion am Mittwochabend in Reims verschwieg BFM TV. Alle Medien waren dabei und hielten dicht. Bis der führende Privatsender TF1 damit seine Nachrichten eröffnete. Die Agentur AFP zog sofort nach. France 2 berichtete eine Viertelstunde später. „Wir können nicht so tun, als ob es keine Konkurrenz gäbe“, sagte die Informationschefin der Canal+-Tochter i-télé.

          Bei allen Live-Sendungen waren Fachleute im Studio, unter ihnen viele ehemalige Mitarbeiter der Geheimdienste, der Sicherheitskräfte und Elitetruppen. Sie redeten umso mehr, je weniger auf den Bildern zu sehen war. Auch mit ihrer Rolle werden sich die früheren Arbeitgeber befassen müssen. Waren ihre Aussagen Informationen für die Terroristen? Die Lage war besonders brisant, weil es um zwei Geiselnahmen ging, die in engem Zusammenhang standen. Auf BFM erklärte ein Experte, die Tatorte seien vom Medienfluss abgeschnitten. Das war offenbar nicht der Fall, es gab an beiden Schauplätzen Telefon, Internet, Fernsehen. Die Terroristen hatten Zugang zu den Informationen, BFM war es sogar gelungen, mit Kouachi zu telefonieren.

          Überfordert war nicht zuletzt das Innenministerium. „Wir hatten es noch nie mit so vielen Anfragen zu tun“, sagte ein Sprecher: „Wenn es auf Twitter zwei oder drei Meldungen gibt, geht der Sturm los.“ Fünfzig Journalisten wollten die Meldung verifizieren, was ihre Pflicht ist. Am vergangenen Freitag wurde in Paris der Trocadéro evakuiert, nachdem im Internet Gerüchte über einen bewaffneten Anschlag die Runde machten - Fehlalarm. Am Samstag wurden Schüsse in der Nähe einer Synagoge gemeldet. Es war jedoch die Knallerei bei einer Kurden-Demo. Für alle war es eine Ausnahmesituation, und sie wurde relativ gut bewältigt. Fotos vom Blutbad bei „Charlie Hebdo“ werden hoffentlich nie publiziert.

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