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Anrufsender in der Kritik : Wer warnt die Öffentlichkeit?

  • -Aktualisiert am

Der Sender 9Live verkauft vor allen Dingen seine Zuschauer für dumm Bild: F.A.Z. - Marcus Kaufhold

Anrufsender wie 9Live versuchen ihre Zuschauer mit dubiosen Praktiken hinters Licht zu führen. Die Medienaufsicht versagt. Nun haben Zuschauer die Aufgabe der Medienwächter übernommen - und dokumentieren eifrig Regelverstöße.

          Max Buskohl, die Älteren werden sich erinnern, war ein Kandidat bei „Deutschland sucht den Superstar“, der kurz vor Schluss mehr oder weniger freiwillig ausschied. Hinterher behauptete er in mehreren Interviews, dass RTL ihn überredet habe, nicht sofort zu gehen, sondern erst am Tag nach der nächsten Entscheidungsshow. Der Sender bestreitet diese Verzögerungstaktik, und das aus gutem Grund: Sie bedeutete nämlich, dass RTL seine Zuschauer dutzendfach aufgefordert hätte, teure Telefonnummern zu wählen, um zu bestimmen, wer die Show verlassen muss, obwohl es da nichts zu bestimmen gab. Es geht um Millionen Anrufe zu jeweils fünfzig Cent.

          Nun könnte man meinen, das sei ein Fall für die Medienaufsicht, also für eine der 14 deutschen Landesmedienanstalten. Für den Kölner Sender ist die Niedersächsische Landesmedienanstalt NLM zuständig (fragen Sie nicht warum). Die Nachfrage dort, ob die Behörde in diesem Fall in irgendeiner Weise tätig geworden sei, löst großes Erstaunen aus. Nein, sagt eine möglicherweise irgendwie zuständige Mitarbeiterin, ihres Wissens hätte die NLM da nichts unternommen. Ihr sei auch nicht klar, gegen welche Vorschriften RTL damit überhaupt verstoßen hätte. Und überhaupt sei so etwas ja sehr schwer zu beweisen.

          „Besser, wir lassen das mit den Ermittlungen“

          Zweifelsohne. Und so kann man sich leicht ausmalen, wie sich das anhören würde, wenn Landesmedienanstalten zuständig wären für Ermittlungen in einem, sagen wir, Mordfall: „Och Gott, ja“, würden sie noch am Tatort erklären, „das kann aber auch ein Unfall gewesen sein, so was ist ja schwer zu beweisen, und wer weiß, ob wir den Täter überhaupt finden ... Besser, wir lassen das mit den Ermittlungen oder gründen stattdessen einen Ausschuss, der sich mit ein paar Grundsatzfragen befasst.“

          Der Gedanke, von RTL und Buskohl wenigstens eine Stellungnahme zu erbitten, und zu veröffentlichen, wie die NLM den Fall einschätzt, schon um für die Zukunft klarzumachen, wo die Grenze in solchen Fällen verläuft, dieser Gedanke ist der NLM fremd. Überhaupt scheint die Öffentlichkeit, in deren Dienst sie eigentlich tätig sein sollten, im Alltag der Medienanstalten nicht sehr präsent zu sein. Der Präsident der Bayerischen Landesmedienanstalt BLM, Wolf-Dieter Ring, beklagte gerade die mangelnden Befugnisse seiner Behörde, wenn es um zweifelhafte Praktiken von Anrufsendern wie 9Live geht.

          „Systematische Nicht-Befolgung“ der Spielregeln

          Sein Pressesprecher Flieger erklärte, man könne derzeit nur eine folgenlose „Beanstandung“ aussprechen: „Das stört uns selbst am meisten.“ Fragt man ihn, warum die BLM diese Beanstandungen nicht wenigstens publik macht, um öffentlichen Druck auf die Sender auszuüben, sagt er, erstens würden die Beanstandungen im jährlichen Geschäftsbericht veröffentlicht, und zweitens hielten es die anderen Landesmedienanstalten auch nicht anders. Immerhin räumt er dann noch ein, dass sich das vielleicht ändern müsse.

          Wie eine halbwegs funktionierende Fernsehaufsicht funktioniert, kann man in Großbritannien sehen. Berichte über Unregelmäßigkeiten bei Call-TV-Shows führten dort nicht nur zu einer öffentlichen Debatte. Die Aufsichtsbehörde Ofcom griff spät, aber massiv ein, begann über zwanzig einzelne Untersuchungen und spricht von einer „systematischen Nicht-Befolgung“ der Gewinnspielregeln. Neue Regeln zwingen die Sender, wiederholte Anrufer vor den Kosten zu warnen und Angaben über die Gewinnchancen einzublenden. Die Sender haben die Zahl der Call-TV-Kanäle und -Shows drastisch gesenkt.

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