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Anonymous Barrett Brown : Märtyrer der Pressefreiheit oder Krimineller?

  • -Aktualisiert am

Drei Anklagepunkte, 105 Jahre Gefängnis

In mehr als einem Dutzend Punkten wird Brown angeklagt. Würde man alle Maximalstrafen zusammenzählen, drohten ihm 105 Jahre Knast. Mehr als anderthalb Jahre sitzt er im Gefängnis, dann werden die ersten Anklagepunkte fallengelassen. Seine Anwälte hatten argumentiert, dass der Verweis auf Quellen die Essenz des Online-Journalismus ist. Doch Brown muss weiterhin im Gefängnis bleiben. Denn drei Anklagepunkte bleiben bestehen: die Drohung gegen den Polizisten, die Beihilfe zum Hacken und die Behinderung einer polizeilichen Untersuchung.

Aber rechtfertigt das, dass er mehr als zwei Jahre in Untersuchungshaft sitzt? Dass er kaum Kontakt zur Außenwelt haben darf? Anderthalb Jahre für die Flüche eines Ex-Junkies? Lange Zeit durfte Brown nicht einmal mit der Presse über seinen Fall reden, auch seine Anwälte nicht. Von Gerichts wegen: Nachrichtensperre. Seine Mutter fürchtet heute noch Repressalien, sollte sie mit Reportern reden. Derweil setzten sich weltweit Journalisten für Browns Freilassung ein. Der Investigativjournalist Glenn Greenwald sprach sich öffentlich für ihn aus, ebenso der Intellektuelle Noam Chomsky. Selbst in der Popkultur ist Browns Fall angekommen. In der Fernsehserie „House of Cards“, der preisgekrönten Parabel über Macht und Unmoral mit Kevin Spacey, gibt es eine Figur namens Gavin, einen Hacker, der zum FBI-Informanten wird. In der Serie sagt Gavin zu seinem Kontaktmann den Satz: „Lass alle Anklagen gegen Barrett Brown fallen.“

Das Internet ausgedruckt

In den Monaten bis zum Urteil schrieb Brown eine Online-Kolumne für ein Lokalmagazin. Aber das Wort „Online“ hat hier nur dekorative Funktion: Brown schrieb den Text lange Zeit per Hand. Seine Mutter tippte ihn ab und leitete ihn weiter. Kommentierte ein Leser den Text online, druckte ein Redakteur den Kommentar aus und schickte ihn per Post an das Gefängnis.

Wie lebt es sich, wenn man das Internet ausgedruckt bekommt? „Sehr gut“, sagt Barrett Brown. Er lese viel, zweihundert Seiten am Tag, dreihundert Bücher in zwei Jahren. Nach dem Aufstehen geht er in die Bibliothek und schaut nach, ob die Bücher ordentlich im Regal stehen. Manchmal klebt er die Buchrücken. „Das Internet ändert die Strukturen deines Denkens. Ich bin jetzt ein besserer Taktiker, ein besserer Stratege. Und ich bin ein besserer Schreiber.“ Brown ist besessen von Fakten. Kurz nach dem Interview erhalte ich eine E-Mail: Er habe in einem Nebensatz eine Zahl genannt, und die sei falsch. Das sei ihm gerade eingefallen. Das Gespräch hatte zweieinhalb Stunden gedauert. Brown ist manchmal ein Spinner. Aber er ist auch ein Wühler, ein Zweifler, ein Aufdecker. Ein Journalist. Und wer Journalist ist, sollte hacken dürfen, sagt Brown.

Als die globale Überwachung durch die NSA bekannt wurde, fragten sich Journalisten, ob sie nun selbst auf die Barrikaden müssten, oder ob Fotos von den Barrikaden weiterhin reichen. Der Fall Brown zeigt, wohin die Doppelfunktion führen kann: Auf den Barrikaden lebt es sich gefährlich. Vielleicht sind Journalisten und Aktivisten wie Brown, Greenwald, Snowden, Laura Poitras und Jacob Appelbaum die Doyens einer neuen Zunft. Aber fast keiner von ihnen lebt in den Vereinigten Staaten. Der einzige, der es doch tut, wird heute einen Gerichtssaal in Dallas in Ketten betreten.

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