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Anonymous Barrett Brown : Märtyrer der Pressefreiheit oder Krimineller?

  • -Aktualisiert am

Für manche Beobachter war Anonymous damals nur eine mehr der weniger harmlose Gruppe ritalinabhängiger Jugendlicher, die man am besten bekämpfte, indem man den örtlichen Pizzaladen schließt. Doch wenn man dem „Wall Street Journal“ glauben darf, trauten die amerikanischen Sicherheitsdienste Anonymous zu, das Energienetz des Nordostens anzugreifen. Vielleicht nicht in einem Jahr, aber in zwei. New York ohne Strom, Washington ohne Strom - das waren bis dahin Szenarien aus dem Kalten Krieg. „Der Cyberspace ist zwar ein von Menschen gemachtes Gebiet“, schrieb 2010 der stellvertretende Verteidigungsminister William J. Lynn in einem Aufsatz für die Zeitschrift „Foreign Policy“. „Aber für militärische Operationen ist er so entscheidend wie das Land, die See, der Luft und der Weltraum.“ Leon Panetta, damals Verteidigungsminister und zuvor Chef der CIA, warnte vor einem „digitalen Pearl Harbor“.

Keine Angst davor

In diesem Krieg, als den die amerikanische Regierung den Kampf gegen Anonymous sah, war Brown nicht distanzierter Beobachter, er war „embedded“, mittendrin. Erklärte er die Handlungen von Anonymous, sagte er „wir“. Ob er keine Angst davor habe, selbst verfolgt zu werden, fragten ihn Reporter immer wieder. Er werde beschützt, sagte Brown. Aber irgendwann werde es ihn schon treffen. Klar.

Im Februar 2011 verriet ein Mann namens Aaron Barr in einem Interview, er habe die wichtigsten Köpfe von Anonymous enttarnt. Im Gegenzug griff Anonymous seine Firma an, HB Gary Federal. Sie produziert Sicherheitssoftware für amerikanische Behörden. Der Hack spülte Tausende von Mails in Browns „Project PM“. Brown durchsuchte die Dokumente nach Spuren von „Endgame Systems“: Das Unternehmen sammelte Informationen über Computersysteme von Flughäfen und öffentlichen Einrichtungen. In den richtigen Händen mögen solche Daten nützlich sein, in den falschen sind sie hochgefährlich. Die Zeitschrift „Forbes“ nannte „Endgame Systems“ das „Blackwater des Internets“. Noch so eine Kriegsmetapher.

Hacker war er nie

Ende 2011 hackte dann ein Mann namens Jeremy Hammond den privaten Nachrichtendienst Strategic Forecasting, kurz Stratfor. Brown nahm daran nicht teil; ein Hacker war er nie. Aber er verlinkte in einem Chatraum auf eine schon öffentlich zugängliche Datei, die zu gehackten E-Mails führt. Und hier setzen die Behörden den Hebel an. Für Brown war das Posten des Links Journalismus. Für die Behörden Hehlerei. Ein Jahr später wird Browns Wohnung zum ersten Mal durchsucht, auch die seiner Mutter. Das FBI sucht - unter anderem - nach Daten zu „Endgame Systems“ und Stratfor.

Weil Browns Mutter seinen Laptop bei der Durchsuchung versteckte, wird sie 2012 angeklagt. Brown kämpft derweil mit dem Entzug. Er hatte Heroin und Ersatzdrogen abgesetzt. Auf den Videos, die er nun von sich dreht und auf Youtube stellt, sind seine Haare zersaust. Er kann seinen Blick kaum fokussieren. Brown lacht unvermittelt und stößt auf. Das Leben des FBI-Agenten, der die Ermittlungen leitet, sei vorbei, nuschelt er in die Webcam. „Und wenn ich sage, sein Leben ist vorbei, dann meine ich nicht, dass ich ihn umbringe. Aber ich werde mich mal nach seinen verdammten Kindern umschauen.“ Am selben Abend, während Brown gerade videochattet, stürmen FBI-Beamte sein Haus.

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