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Anonymous Barrett Brown : Märtyrer der Pressefreiheit oder Krimineller?

  • -Aktualisiert am

Browns damalige Mitbewohnerin, selbst als Musikerin, Anwältin und Journalistin ziemlich ausgelastet, sagt, sie habe nie jemanden erlebt, der so viel arbeitet. „Einmal kam ich nach Hause und fand Barrett auf der Couch schlafend, den Laptop auf den Knien, die Zigarette im Mund“, erinnert sie sich. Brown hält sich als Werbetexter über Wasser, schläft bei Freunden auf der Couch, umgeben von Bücherstapeln und Aschenbechern. Was er verdient, gibt er für Drogen aus, Zigaretten, Gras, bald auch Heroin. Seine Eltern überreden ihn 2010 zum Entzug.

Spion, Verräter, Held?

Im Mai desselben Jahres nehmen Beamte des FBI Bradley Manning fest. Spion, Verräter, Held wird man ihn später nennen. Dutzende Videos hatte er der Enthüllungsplattform Wikileaks übergeben, 250 000 diplomatische Depeschen, 500 000 Armeeberichte, Zahlen wie Waffen. Massenveröffentlichungswaffen. Seither befindet sich Amerika auch im Krieg mit all jenen, die geheime Informationen preisgeben oder untersuchen. So wie Barrett Brown.

Anonymus-Demonstranten beim „Million Mask March 2014“ in London.

Er kommt in jenem Jahr erstmals in engeren Kontakt mit Anonymous. Das Netzwerk hatte zwei Jahre zuvor Scientology angegriffen, nun die australische Regierung. Barrett Brown gefällt das. Ihn reizt das Grenzüberschreitende, die Anarchie, die neue Art der Kommunikation. „Anonymous, Australien und der unausweichliche Fall des Nationalstaats“ betitelt er einen seiner Artikel. Die Wirklichkeit ist bei Brown immer ein bisschen größer.

Brown erklärte es der Welt

Nun war da einer, der konnte Anonymous erklären, der konnte schreiben, der konnte reden. Wenn ein Unternehmen gehackt wurde, eine Regierungsseite in Tunesien lahmgelegt, wenn ein paar Tausend Dokumente amerikanischer Sicherheitsfirmen gestohlen wurden, dann war es fortan Brown, der das der Welt erklärte. Fernsehsender schalteten ihn als Experten aus Dallas, Texas zu, wie er dasaß in seinem 35-Quadratmeter-Apartment. Und Brown rauchte, trank aus seiner Kaffeetasse und erzählte von der digitalen Revolution. Kam gar ein Fernsehteam vorbei, um von ihm zu wissen, wie das nun laufe mit Anonymous und dem Cyberkrieg, ließ seine Mutter vorher den Teppich shampoonieren.

Schon 2009 hatte Brown eine Rechercheplattform gegründet, „Project PM“. Er wollte die oft sinistren Praktiken privater Sicherheitsfirmen beleuchten. Bei Anonymous hoffte er, Personal für sein Crowdsourcing zu finden. Wie in jedem Anarchisten steckt in Brown ein Aristokrat, der glaubt, dass niemand es besser machen kann als er selbst. Deshalb hält er jede Regierung, jede Autorität für schlecht. Es sei denn, er herrscht selbst. „Ich wollte unbedingt Anonymous kontrollieren“, sagt Brown heute. „Ich wollte der Anführer von Anonymous sein. Und ich wurde zurecht dafür kritisiert.“ Aktive und begabte Hacker waren selbst bei Anonymous nur eine Minderheit. Der Rest war, in den Augen von Brown, eine Horde Dodos.

Digitale Erste-Hilfe-Sets

Dabei war Anonymous keine reine Spaßguerilla. Als sich die Jugend des Arabischen Frühlings auflehnte, entwarfen Hacker digitale Erste-Hilfe-Sets. Sie halfen den Protestierenden, ihre Social-Media-Accounts zu schützen, und brachten Ministeriumswebsites zum Absturz.

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