https://www.faz.net/-gqz-7kxcq

Anonymous im Niedergang : Die Maskerade ist vorbei

  • -Aktualisiert am

Wie überzogen diese Einstufung ist, sieht man heute. Die DoS-Attacken können zwar einzelne Websites für einen gewissen Zeitraum überlasten, jedoch keinen dauerhaften Schaden anrichten. Nur wenige Aktivisten verfügen über Hacker-Knowhow. Und die müssen mit harten Strafen rechnen.

Wirksame Abschreckung

Im November wurde der Anonymous-Hacker Jeremy Hammond zu zehn Jahren Haft verurteilt. Für die „Operation Payback“ erhielten Teilnehmer bis zu achtzehn Monate Haft, dazu hohe Geldstrafen. Für eine DoS-Attacke will niemand auf die NSA-Watchlist. Die Abschreckung funktioniert. Einen zweiten Grund für das Verschwinden von „Anonymous“ hat die Forscherin Gabriella Coleman beschrieben. Neben der organisatorischen Offenheit und der Unvorhersehbarkeit der Aktionen gebe es ein weiteres Charakteristikum: Ziel der Aktionen sei, mit den sensationsgeleiteten Mitteln des Netzes das Interesse der Medien zu wecken.

Was mit Bekenner-Videos begann, entwickelte sich zu einem viralen Medien-Kollektiv. Unter dem Label „Anonymous“ wurden Informationen von den Protesten in Tunesien, Ägypten oder der Türkei übersetzt und weitergeleitet, Manifeste geschrieben und immer neue Videos produziert. Dabei versteht sich „Anonymous“ als Gegenöffentlichkeit, bleibt aber immer auf massenmediale Beachtung angewiesen. Das gilt auch für die Enthüllungen von Edward Snowden. Frühe „Anonymous“-Videos präsentieren seine Dokumente als letztmöglichen Beweis für den Überwachungsstaat.

Hier marschierten keine Millionen

Zum anderen richten sich die Videos gegen eine Öffentlichkeit, die Snowden als Verräter darstelle und seine Enthüllungen herunterspiele. Viele Aktivisten verlegten sich vollständig auf die Aufklärungsarbeit. Auf die anfangs kursierende Frage etwa, warum sich Menschen empören sollten, die nichts zu verbergen hätten, entgegnet ein Video, dass die Total-Überwachung einem Einbruch in die eigenen vier Wände gleichkomme – mit dem einzigen Unterschied, dass man ihn nicht bemerke. Ein leicht verständliches Bild.

Mit der „Operation NSA“ wollten andere die Enthüllungen Snowdens langfristig begleiten und die politisch Verantwortlichen bloßstellen. Doch ohne spektakuläre Aktionen haben es diese Botschaften schwer, gehört zu werden. Die „Operation NSA“ währte nur ein paar Tage. Wenigstens am 5. November, am Jahrestag von Guy Fawkes’ vereiteltem Anschlag auf das englische House of Lords 1605, sollte es dann wieder mal klappen.

In 450 Städten hatten Aktivisten zu einem „Marsch der Millionen Masken“ aufgerufen. Bei den zwei Hauptaktionen in Washington und London zogen aber nur ein paar hundert Menschen durch die Straßen. Als kaum ein Medium berichtete, starteten Empörte in den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien und England einen „Marsch gegen die Mainstream-Medien“.

Ein Beobachter auf Twitter kommentierte höhnisch: „Was kommt jetzt als Nächstes? An Wahlen teilnehmen? Werbung schalten? Oder einfach nur weiter twittern?“ Vorerst ja. „Anonymous“ kommt nicht mehr rein in die mediale Aufmerksamkeitsspirale. Für langfristige Aufklärung fehlen dem Schwarm Ressourcen und Struktur. Und Geduld widerspricht dem Wesen der Maske.

Weitere Themen

Der beste aller Zuhörer

Zum Tod von Werner Düggelin : Der beste aller Zuhörer

Traumfänger und Beichtvater: Er zauberte seinen Figuren Gegenwelten, die sie sich selbst kaum vorzustellen trauten. Nun ist der Schweizer Theaterregisseur Werner Düggelin im Alter von neunzig Jahren gestorben.

Schlafen mit offenen Augen

Frauenstimmen aus dem GULag : Schlafen mit offenen Augen

Höllische Schule des Überlebens: Monika Zgustova sprach mit Frauen, die als politische Häftlinge in sowjetische Straflager kamen. Fast alle bezeugen, Bücher, Poesie und Schönheit hätten sie gerettet.

Topmeldungen

Karl-Theodor zu Guttenberg bekam 2010 noch Applaus auf dem CDU-Parteitag.

Rückkehr in die Politik? : Guttenberg und sein Verhältnis zu Merkel

Karl-Theodor zu Guttenberg hat noch immer einen guten Draht zur Kanzlerin. Das wurde im Zuge der Wirecard-Affäre deutlich. Arbeitet der frühere Verteidigungsminister an seiner Rückkehr oder hat er sich endgültig die Finger verbrannt?

Macrons Besuch im Libanon : Von Reue fehlt bislang jede Spur

In Beirut wird Emmanuel Macron wie ein Heilsbringer empfangen. Frankreichs Präsident verspricht Hilfe – und mahnt Reformen an. Doch nichts deutet darauf hin, dass in der Politik des Libanon eine neue Ära beginnt. Am Abend werden 16 Hafenmitarbeiter festgenommen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.