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Deutscher Computerspielpreis : Laudatio aus dem Wohnzimmer

Die Entertainerin und der Experte: Barbara Schöneberger und Nino Kerl moderieren den Deutschen Computerspielpreis aus einem Studio in Berlin. Bild: Getty

Das digitale Format macht den Deutschen Computerspielpreis sympathisch familiär – auch wenn die Technik manchmal streikt. Das beste Spiel des Jahres überrascht weniger.

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          Als Uschi und Georg, zwei „Senioren-Zocker“, den ersten Preis verleihen, stockt der Ton. Wenn er da ist, ist er blechern. Die beiden sitzen zu Hause, Uschi hat ein Band im Haar, Georg einen Schlips angelegt. Sie halten eine Laudatio von zu Hause auf das Multiplayer-Spiel „Tilt Pack“, das in der Kategorie Familie gewinnt. Wie Uschi und Georg sind auch die Nominierten per Video zugeschaltet, bei den Entwicklern von „Tilt Pack“ fliegt Konfetti durchs Wohnzimmer.

          Der deutsche Computerspielpreis findet das erste Mal nicht auf einer Bühne, ohne roten Teppich und lange Reden von Politikern statt, sondern ist ein zweieinhalbstündiger Livestream. Er ist nicht durchorchestriert, manchmal bleibt der Ton bei Laudatoren aus und die Moderatoren Barbara Schöneberger und Spiele-Experte Nino Kerl müssen improvisieren.

          Ganz ohne Politiker lief der Abend, an dem 590 000 Euro Preisgeld verteilt wurden, trotzdem nicht ab. Den Preis richtet der Bund gemeinsam mit dem Branchenverband Game und der Stiftung Digitale Spielekultur aus. Dorothee Bär (CSU), Staatsministerin für Digitalisierung, trat als Schauspielerin Judy Garland in einem langen Glitzerkleid auf. Sie sei sehr, sehr stolz auf die Gaming-Community, sagte sie. Auch der Bundesminister für Verkehr und digitale Infrastruktur, Andreas Scheuer (CSU) und die bayrische Digitalministerin Judith Gerlach (CSU) hielten eine Laudatio. Die vorher aufgezeichneten Einspieler durchbrachen die Spontanität des Abends allerdings etwas.

          Letztlich aber standen Spiele und Entwickler im Vordergrund. Viele der Laudatoren kamen aus der Games-Szene, wie Odile Limpach, Professorin für Game Economics an der TH Köln, oder Professor Uwe Bosse von der Mediadesign Hochschule Berlin, der untenrum, für die Zuschauer nicht sichtbar, ein Cosplay-Accessoire des besten Experten-Spiels „Avorion“ trug. Ein Bild davon schickte er dann später via Social Media ins Studio.

          Wenn die Technik im Wohnzimmer Schöneberger/Kerl streikte, wurde schnell Ann-Kathrin Kuhls zu Rate gezogen, die an dem Abend immer wieder Reaktionen aus den sozialen Netzwerken präsentierte. Was sonst häufig nervig und fehlplatziert scheint, entpuppte sich in diesem Fall als nette Abwechslung. So zeigte Kuhls Bilder der Outfits von Publikum und Gästen des Computerspielpreises: oben Hemd, unten Jogginghose. Das erzeugte eine familiäre Atmosphäre.

          In dem Spiel „Sea of Solitude“ geht es um den Kampf gegen innere Monster.
          In dem Spiel „Sea of Solitude“ geht es um den Kampf gegen innere Monster. : Bild: Jo-Mei/EA

          Und das, obwohl die Themen der Spiele an diesem Abend häufig düster waren. In „Sea of Solitude“ (Gewinner Spielwelt und Ästhetik) geht es um Depressionen und den Kampf gegen die inneren Monster. Die Figur Sunny, die in der Schule gemobbt und verprügelt wird, ist ein schwarzer Vogel mit großen schwarzen Schwingen. Beim kleinsten Geräusch flieht er. Bei der Verleihung in einer Kategorie wurden immer alle Nominierten eingeblendet, meist sind es drei. Doch manchmal funktionierte es mit dem Video nicht: „Oh nein, sind wir die einzigen ohne Bild?“, fragt „Sea of Solitude“-Entwicklerin Cornelia Geppert. Doch genau solche spontanen Reaktionen machen die Verleihung dieses Jahr aus. Das Thema Einsamkeit umzusetzen, ohne dabei durchzudrehen, das könne man nur mit ganz tollen Leuten zusammen, sagt Geppert.

          Anselm Pyta und sein Team haben sechs Jahre lang an ihrem Spiel gearbeitet und gewannen in der Nachwuchskategorie Bestes Debüt: In „The Longing“ erkundet ein kleines Männchen ein Höhlensystem. Warum das denn so lange gedauert habe, fragt Barbara Schöneberger. „Na ja, das lag vor allem an uns“, antwortet Pyta. Wenn man sich so viel vornehme, dann dauere es. Etwas beschwingter ging es bei „Lonely Mountains: Downhill“ zu (Gewinner Innovation und Technologie), der Spieler muss hier mit seinem Mountainbike den richtigen Weg herab vom virtuellen Berg finden.

          Stein um Stein: Das Spiel Anno 1800.
          Stein um Stein: Das Spiel Anno 1800. : Bild: Ubisoft

          In „Through the Darkest of Times“ sind die Spieler Widerstandskämpfer im Nationalsozialismus. Das Spiel stellt die Frage: Wie würde ich handeln? Die schlichte Ästhetik führt den Spieler in die Abgründe der deutschen Geschichte und gewann in der Kategorie „Serious Games“. Wie „Sea of Solitude“ war  auch „Through the Darkest of Times“ für das beste deutsche Spiel nominiert.Am Ende aber wurde das Aufbau-Strategie-Spiel Anno als bestes Deutsches Spiel ausgezeichnet – mittlerweile ist es der siebte Teil, Anno 1800. Im Jahr zuvor wurde das Spiel schon mit dem Deutschen Entwicklerpreis als bestes deutsches Spiel gekürt.

          In diesem Jahr gab es zwar keinen analogen Festakt, aber dafür etliche neue Kategorien. Zum Beispiel das Beste Studio, worin “Yager Development“ mit Sitz in Berlin ausgezeichnet wurde. Leider versagte in dem Moment wieder der Ton und keiner der Entwickler konnte etwas dazu sagen. Am Ende der Veranstaltung, da sah es für einen kurzes Moment so aus, als würde obendrein die Konfetti-Kanone von Schöneberger versagen. Sie funktionierte dann aber doch.

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