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TV-Kritik: „Anne Will“ : Wie lange lässt sich der Corona-Shutdown noch begründen?

  • -Aktualisiert am

Anne will diskutiert mit ihren Gästen über vorsichtige Wege aus der Corona-Krise. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Von heute an sollen die Restriktionen der Pandemiebekämpfung etwas gelockert werden. Darum ging es bei Anne Will. Das eigentliche Thema war aber das Verhältnis von Wissenschaft und Politik: Wer hat das Sagen?

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          In einer Pandemie gibt es zwei entscheidende Kriterien, um die Gefährlichkeit eines Virus festzustellen: Infektiosität und Sterblichkeit. Epidemiologen haben für die Infektiosität die sogenannte Basisreproduktionszahl R0 entwickelt. Im aktuellen Fall SARS-CoV-2 wird sie etwa vom Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin mit einem Wert zwischen 2,4 und 3,3 angegeben. Gestern Abend nannte Michael Meyer-Hermann diese Basisreproduktionszahl ein „Artefakt“. Er ist Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Leider ging bei Anne Will niemand auf diese Bemerkung ein. Sie drückt aus, dass die Wissenschaft die Eindeutigkeit, die Politiker zur Legitimation ihrer Maßnahmen gerne hätten, nicht liefern können. In der Wissenschaft herrscht Dissens. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) war die zunehmende Frustration darüber anzumerken: Die Wissenschaftler könnten ihm etwa bis heute nicht sagen, welchen Nutzen die seit Mitte März geltenden Schul- und Kitaschließungen gehabt hätten.

          Magische Basisreproduktionszahl

          Die hohe Infektiosität des neuen Virus ist indes unbestritten. Darüber geben schon die unbeabsichtigten epidemiologischen Großversuche Auskunft. So haben sich auf dem französischen Flugzeugträger Charles de Gaulle innerhalb weniger Wochen mehr als fünfzig Prozent der zweitausend Mann starken Besatzung infiziert. 500 Besatzungsmitglieder zeigen Symptome, 24 sind in stationärer Krankenhausbehandlung: Zwei Erkrankte mussten auf der Intensivstation behandelt werden.

          Auf einem Flugzeugträger mit einer überdurchschnittlich jungen und gesunden Population entspricht das Risikopotential einer Covid-19-Erkrankung somit den bisherigen Erkenntnissen: Covid-19 ist eine ernsthafte Erkrankung, schwerwiegender als die saisonale Grippe. Die Sterblichkeit ist aber nicht mit dem Sars-Virus von 2002 oder gar mit den Ebola-Ausbrüchen der vergangenen Jahre vergleichbar. Die Erfahrungen auf dem Kreuzfahrtschiff „Princess Diamond“ bestätigen diese Erkenntnisse. Das Schiff mit überdurchschnittlich älteren Gästen war in einem japanischen Hafen unter Quarantäne gestellt worden. Das Virus konnte sich dort entsprechend ausbreiten. Die Sterblichkeit als Verhältnis zwischen Infizierten und Todesfällen wird laut den Angaben des RKI auf der „Princess Diamond“ mit 1,2 Prozent beziffert. Sie steigt dagegen in Alten-und Pflegeheimen, weil dort alte Menschen mit mehrfachen Vorerkrankungen überproportional oft anzutreffen sind.

          Seit den ersten Meldungen über den Ausbruch einer Epidemie in China hat die Wissenschaft in diesen beiden entscheidenden Kriterien Infektiosität und Sterblichkeit valide Erkenntnisse erworben. Das war bis Mitte März noch anders: Damals handelten Politik und Wissenschaft unter den Voraussetzung weitgehender Unklarheit über die Auswirkungen dieser Pandemie auf die Volksgesundheit. Die Berichte aus Norditalien, Spanien oder New York hatten bei fast allen Regierungen weltweit den gleichen Eindruck hinterlassen: Sie hatten bis dahin die Pandemie unterschätzt, und unternahmen anschließend eine Vollbremsung zu deren Eindämmung. Die Regierung in Peking hatte es vorgemacht: Die Unterbindung von Sozialkontakten mit der weitgehenden Einstellung fast aller wirtschaftlichen Aktivitäten wurde auf diese Weise zum weltweiten Vorbild. Daran hat sich nichts geändert, wie die Zuschauer bei Anne Will erleben durften.

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