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TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

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Moderatorin Anne Will verfolgt die Diskussion zwischen Verkehrsminister Andreas Scheuer und Marion Tiemann von Greenpeace Deutschland. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.

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          Eine der interessantesten Veränderungen in den vergangenen Jahrzehnten ist die Professionalisierung aller Lebensbereiche. Das wird zumeist auf das Konto des Neoliberalismus verbucht, hat aber auch bei dessen Kritikern Spuren hinterlassen. So ist der politische Aktivismus längst nicht mehr das Freizeitvergnügen von Idealisten. Heute ist es ein Geschäftsmodell mit professionalisierten Strukturen. Einer der Marktführer ist Greenpeace. Laut dem Jahresbericht 2017 beschäftigt der Verein 276 Mitarbeiter, die aus steuerabzugsfähige Spenden resultierende Einnahmen in Höhe von 61 Millionen Euro verwalten. Damit ist Greenpeace Deutschland die mit Abstand wichtigste Sektion bei Greenpeace International, vergleichbar mit dem reichen Erzbistum Köln in der katholischen Kirche.

          Mit der Professionalisierung ergeben sich Zwänge. So ist Greenpeace zur Stabilisierung der Einnahmen auf zwei Dinge angewiesen: Auf eine Gesellschaft im permanenten Krisenmodus und die Herstellung von Öffentlichkeit. Deshalb stiegen die Werbekosten „durch die verstärkten Maßnahmen in der Fördererwerbung … im Vergleich zum Vorjahr um 300.000 Euro auf 4,7 Millionen Euro“, wie im Jahresbericht zu lesen ist.

          Idealismus und Professionalisierung im Zeitalter des Neoliberalismus

          Eine Talkshow ist kein soziologisches Seminar, um das Verhältnis von Idealismus und Professionalisierung im Zeitalter des Neoliberalismus zu untersuchen. Aber die gestern von Anne Will eingeladene Greenpeace-Abteilungsleiterin „Climate and Transport“ ist davon natürlich nicht unberührt, selbst wenn sie sich im NGO-Marketingsprech als „Campaigner“ vorstellt. Marion Tiemann diskutierte mit in der Sendung mit dem Titel „Verzichten, verteuern, verbieten – muss Klimapolitik radikal sein?“. Nur ist sie halt nicht nur eine politische Aktivistin, wie sie uns Zuschauern vorgestellt wurde. Sie hat ihren Aktivismus zum Beruf gemacht, was Berufung keineswegs ausschließt.

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          Davon können hunderttausende Mitarbeiter in der deutschen Autoindustrie ein Lied singen. Sie sehen ihre Existenzberechtigung bestimmt nicht darin, ihren Mitmenschen mit ihren Produkten zu schaden. Obwohl Tiemann diesen Eindruck erzeugte, als sie gegen die Autoindustrie zu Felde zog. Unter dieser Voraussetzung könnte man genauso gut den Eindruck haben, dass Greenpeace die Mobilitätswende nur propagiert, um die Arbeitsplätze in der eigenen Organisation sicherzustellen.

          Eine gewisse steuerpolitische Blindheit war bei der Greenpeace-Abteilungsleiterin nicht zu übersehen. So kritisierte sie die Steuersubventionen beim Diesel, obwohl der gleiche Steuertatbestand ihren eigenen Arbeitsplatz sicherstellt. Nun leben alle Lobbys von der selbst deklarierten Vermutung, das berühmte Allgemeinwohl zu vertreten. Deshalb fordern sie immer mehr, als sie später von der Politik zugestanden bekommen. Der Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) hatte in dieser Übung traditionell einige Kompetenzen vorzuweisen. Mittlerweile ist er in einer so desolaten Verfassung, dass weder der amtierende Präsident des Verbandes noch einer der großen Autohersteller bei Anne Will die Interessen dieses wichtigsten deutschen Industriezweiges vertrat. Stattdessen war mit Stefan Wolf erstaunlicherweise ein Vertreter der Automobilzulieferer dabei. Wolf ist Vorstandsvorsitzender der Ellring Klinger AG, die erst im Februar einen Gewinneinbruch für das abgelaufene Geschäftsjahr von 30 Prozent verkündete.

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