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TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

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Überdosis an Deutschtümelei

Das war eine Überdosis an Deutschtümelei. Tatsächlich markiert der ökonomische Aufstieg Chinas, Indiens und Brasiliens die zentrale Veränderung seit dem Jahr 1989. Das hat Konsequenzen für die globale Klimapolitik, die nichts mit der deutschen Politik zu tun haben. Trotzdem kann man natürlich in Berlin eine kommunale Verkehrspolitik betreiben, die „den Menschen in den Mittelpunkt stellt“, was immer diese Formulierung von Tiemann konkret bedeuten mag. Insofern passte es zu dieser konfusen Debatte, wenn die Zeit-Redakteurin Elisabeth Raether den Bundesverkehrsminister aufforderte, sich für die Umsetzung ihrer eigenen politischen Präferenzen einzusetzen. Verbote gehörten dazu, genauso wie die Verteuerung des Autofahrens.

Warum sich ein CSU-Minister dafür einsetzen soll, „den Leuten zu vermitteln, was auf sie zukommt“, ist schwer nachzuvollziehen. Warum soll Andreas Scheuer die politischen Vorstellungen von Elisabeth Raether vermitteln? Damit schien sogar Özdemir überfordert, wenn man ihm genau zuhörte. Dann hilft noch nicht einmal eine philosophische Debatte über den Freiheitsbegriff, den Raether anzustoßen versuchte. Sie kritisierte eine Form von Freiheit, „wenn die Leute das tun, was am praktischten ist.“  Etwa auf dem Land mit dem Auto zu fahren, anstatt stundenlang auf den Bus zu warten. Daueraufträge bei der Bank sind zweifellos auch praktisch, wenn deshalb kein Greenpeace-Förderer auf dem Land auf die Idee kommen sollte, seine Lebenswirklichkeit mit den Vorstellungen von Frau Tieman jeden Monat neu zu überprüfen.

So war diese Sendung ein gutes Abbild der derzeitigen politischen Debatte. Tiemann wird Tante und fürchtet um die Perspektiven des ungeborenen Kindes. Scheuer hat eine Tochter und kritisiert „die Arroganz der Worte und Slogans“ der Greenpeace-Mitarbeiterin. Der VDA ist als Automobillobby desorientiert und befürwortet die Elektromobilität, allerdings nur mit Ladestationen. Özedemir und Scheuer haben ihre jeweils eigenen Probleme. Ersterer mit den Obergrenzen eines Fraktionskollegen, Letzterer mit seinen Maut-Verträgen. Außerdem definierte Raether Freiheit als „Einsicht in die Notwendigkeit“, um einen verstorbenen deutschen Philosophen zu zitieren.

Höckes Drohungen drängen in den Vordergrund

Das alles wird heute aber niemanden mehr interessieren. Schließlich hatte das ZDF in „Berlin direkt“ ein Interview mit AfD-Flügelstürmer Björn Höcke als Knüller der vergangenen Jahre zu bieten. Und das kurz nachdem sich AfD-Bundessprecher Alexander Gauland im ARD-Sommerinterview um die Geschlossenheit seines „Kampfverbandes“ AfD bemüht hatte. Höcke brach das Interview mit dem ZDF ab, als es etwas emotional wurde. Am Ende fand er die denkwürdigen Worte, dass er „vielleicht mal 'ne interessante persönliche, politische Person in diesem Land“ werde. Das „könnte doch sein“. 

Das könnte sein, oder eher nicht. Auf jeden Fall war es das interessanteste Gespräch seit Boris Büchler den Nationalspieler Per Mertesacker bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 interviewte. Nur helfen bei solchen Nazis keine Eistonnen zur Linderung vorheriger Strapazen. Insofern endete dieser Abend in gewisser Hinsicht tröstlich. Selbst im Zeitalter der Professionalisierung gibt es weiterhin Platz für Idioten. Sie müssen sich nur für eine interessante Person halten.

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