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TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

  • -Aktualisiert am

Das war kein Thema, weil sich Wolf mit den Lobbyideen einer Frau Tiemann beschäftigen durfte. Sie forderte ein Verbot des Verbrennermotors ab dem Jahr 2025. Auf den Vorschlag von Wolf, diese sollte seinen Mitarbeitern den unvermeidbaren Verlust ihrer Arbeitsplätze erklären, fand sie keine Antwort. Das muss sie auch nicht, weil Berufsaktivisten keine politische Verantwortung haben.

Özdemir als Vermittler

Diesen Luxus konnten sich die beiden Politiker in der Runde nicht leisten. So bemühte sich Cem Özdemir (Grüne) den früheren Realismus in seiner Partei auszudrücken, ohne gleich mit der Brachialrhetorik einiger Parteifreunde in Konflikt zu geraten. Dem Vorschlag eines Fraktionskollegen im Bundestag zur Einführung einer Obergrenze für die Fahrzeugklasse SUV (Special Utility Vehicle) konnte er nichts abgewinnen. Er äußerte deshalb sein Verständnis für die Emotionen nach einem tödlichen Verkehrsunfall mit einem solchen Fahrzeug in Berlin. Und er bemühte sich um ein industriepolitisches Argument zugunsten einer sich im Transformationsprozess befindenden Autoindustrie, das er allerdings eher schüchtern formulierte. Setzt es doch deren Fortexistenz voraus, trotz des Interesses von Greenpeace an ihrer Abschaffung. Als Kompensation bemühte er sich um polemische Seitenhiebe gegen den ebenfalls anwesenden Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Der ahnte, dass Duzfreund Cem das alles nur machte, um seine Chancen als zukünftiger Vorsitzender der grünen Bundestagsfraktion nicht zu gefährden. Mit der Formulierung dieses Verdachts hat er das selbstredend getan.

Scheuer hat allerdings ein hausgemachtes Problem namens PKW-Maut zu bewältigen. Seltsamerweise wurde darüber wenig geredet, obwohl es Zweifel an den politischen Fähigkeiten des von der CSU geführten Verkehrsministeriums erlaubt. Weil sich Scheuer aber mit den moralisierenden Argumenten einer Frau Tiemann über die Lebensperspektiven ihres ungeborenen Neffen (oder ihrer Nichte) beschäftigen durfte, blieb dafür wenig Zeit. Wahrscheinlich entspricht das nicht den Vorstellungen der Greenpeace-Fördermitglieder. Die erwarten knackige Parolen und keine langatmigen Mitteilungen über die Verträge des Bundesverkehrsministeriums mit Unternehmen zur Umsetzung einer nicht eingeführten PKW-Maut auf Autobahnen.

Immerhin hatte aber die aufflammende Debatte über den Unterschied zwischen Metropolen und Provinz einen gewissen Informationsgehalt. Tiemann hielt es für ein Problem, den Landbewohnern das Auto zu verbieten. Scheuer nutzte die Gelegenheit, um den vom Autoverkehr geplagten Metropolen mehr Handlungsspielraum durch Änderung der Straßenverkehrsordnung anzukündigen. Man darf gespannt sein, welche Kommunen das nutzen werden. Ansonsten bot diese Sendung vielfältige Möglichkeiten, um sich über die Widersprüche in dieser Debatte zu informieren. Wolf warf etwa dem Bundesverkehrsminister vor, noch nicht einmal ein Konzept zum Ausbau der Infrastruktur zum Laden von Elektroautos zu haben. Eine interessante Feststellung, die leider nicht weiter diskutiert wurde. Dafür meinte Tiemann ernsthaft, die Vorstellungen Scheuers seien noch vor dreißig Jahren zielführend zur Abwehr des Klimawandels gewesen.

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