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TV-Kritik zu Anne Will : Von der Moral sprechen wir später

Russland-Debatte bei Anne Will Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Wann, wenn nicht jetzt? Bei Anne Will ging es um die Frage nach dem Öl- und Gasembargo gegen Russland. Kämpferisch waren die Frauen. Und sie hatten auch die besseren Argumente als die Vorsitzenden von SPD und CSU.

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          Nein, von Moral war kaum die Rede an diesem Sonntagsabend bei Anne Will, wo sechs Menschen, anfangs zumindest, auch vom Krieg in der Ukraine sprachen und von dem Entsetzen über die Bilder der Leichen aus Butscha – deutsche Menschen, die sich selbst und einander doch so gerne bescheinigen, dass sie vor lauter Moral so oft fürs politische Denken keine Kraft mehr haben.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          Aber das moralische Problem, die Frage, ob die, die jahrelang die vermeintliche Friedensdividende genossen haben, bezahlbare Preise für Energie und Rohstoffe, ob die Deutschen also jetzt einen Teil dieser Profite zurückzahlen müssten, um die, auf deren Kosten das alles ging, zu unterstützen und vielleicht zu retten – die Frage also, ob Deutschland schon moralisch verpflichtet wäre zu einem Öl- und Gasembargo: Diese Frage wurde leider nicht gestellt. Und womöglich hätten der bayerische Ministerpräsident und der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei diese Frage auch gar nicht zugelassen. Oder sie als emotional und weltfremd zurückgewiesen.

          Was versteht Putin?

          Moral, als Kampfmoral verstanden, zeigten allerdings die beiden Frauen in der Runde, Marieluise Beck vom Thinktank Zentrum liberale Moderne und die sogenannte Wirtschaftsweise Veronika Grimm, die beide mit einigem Nachdruck darauf hinwiesen, dass das Embargo, außer wirtschaftlichen Folgen, auch die politisch-psychologische Nebenwirkung haben werde, dass die Entschlossenheit, die Opferbereitschaft und die Konsequenz, die es dafür brauche, zu den Phänomenen gehörten, die selbst der immer unverständlicher handelnde Wladimir Putin sehr gut verstehen werde. Sie mussten immer wieder daran erinnern, denn immer wieder versuchte Klingbeil die eigene Unentschlossenheit und die Zögerlichkeit seiner Parteifreunde und der Regierung auch damit zu rechtfertigen, dass man doch gar nicht wissen könne, ob das sofortige Embargo den russischen Präsidenten zur sofortigen Beendigung des Kriegs auch wirklich nötigen werde.

          Immerhin bekannte sich Klingbeil zur eigenen Unentschlossenheit, sagte, mit gewissermaßen schuldbewusster Miene, noch einmal auf, dass man sich ja langsam, aber sicher und unwiderruflich von den russischen Rohstoffen abkoppeln werden, bis 2023 oder 2024, und war auch nicht sehr beeindruckt von Veronika Grimms Argument, dass genau diese Zeit ja auch von Putin genutzt werden könne, sich neue Abnehmer zu suchen.

          Nur eine privilegierte Minderheit?

          Markus Söder dagegen, zugeschaltet aus München, versuchte den Eindruck größter Tatkraft zu vermitteln, machte ein dramatisches Gesicht vor einem seltsam asynchron wirkenden Münchner Abendrot im Hintergrund – er rügte die Regierung und musste doch zugeben, dass er genau auf der Linie des Bundeskanzlers liegt. „Da bin ich ganz bei“, sagte er mehrmals, eine Wendung, die auf Fränkisch oder Bayerisch ganz falsch klingt, sprach sich gegen das Embargo aus, suggerierte aber, dass er das, was die Regierung tut, natürlich viel besser tun und vor allem besser organisieren würde.

          Marieluise Becks immer wieder vorgetragene Forderung nach dem Totalembargo tat er ab als die Position einer privilegierten Minderheit – während er, wie der Sozialdemokrat Klingbeil, auch an die Industriearbeiter denken müsse. Nicht zu sprechen von den Unternehmern, die angesichts solcher Aussichten schon in Panik seien. Einen dieser Unternehmer hätte man womöglich einladen können.

          Dass er die Berechnungen der Wirtschaftswissenschaft für irrelevant halte, hatte der Bundeskanzler am selben Ort schon am vergangenen Sonntag gesagt; Klingbeil und Söder sehen das offenbar genauso – jedenfalls ging keiner der beiden näher ein auf Veronika Grimm, die erläuterte, die Wirtschaft würde mitnichten um zwanzig Prozent schrumpfen, eher rechne man mit zwei bis sechs Prozent – das sind Werte, die jedem bekannt vorkommen müssten, der sich noch an die Finanzkrise und an Corona erinnern kann. Und es war ausgerechnet sie, die Ökonomin, die auf die ungeheuren, wenn auch schwer bezifferbaren Folgekosten der deutschen Zögerlichkeit bei den europäischen Nachbarn und speziell bei den Verbündeten in Ostmitteleuropa hinwies: verlorengegangenes Vertrauen, starke Zweifel, daran, ob die Deutschen einer Führungsrolle gewachsen seien. Marieluise Beck, die gerade aus Kiew kam, erzählte einigermaßen anschaulich vom Entsetzen der Ukrainer, aber auch der Polen über die Deutschen, die, wie es Robin Alexander von der Tageszeitung „Die Welt“ nannte, immer zu spät zu wenig täten.

          Ganz geheime Waffen

          Sanktionen, das war Alexanders These, müsse man sofort mit maximaler Härte durchsetzen, wenn sie wirken sollten – was man schon deshalb glauben wollte, weil Klingbeils Gegenthese, wonach man ja den Russen jeden Tag den sogenannten Gashahn ein bisschen weiter zudrehe, so hilflos klag. Und Klingbeils Aussage, dass man der Ukraine ja viel mehr und ganz andere Waffen liefere, als allgemein bekannt sei, hörte sich so an, als sei sie entweder ein Bluff – oder er sprach über Dinge, von denen er besser schweigen sollte. Es war die Antwort auf Marieluise Beck, die gefordert hatte, Deutschland müsse mit den richtigen Waffen den Ukrainern die Möglichkeit geben, ihren Himmel eben selber zu schließen. Weil, den schrecklichen Bildern aus Butscha zum Trotz, die größten Schrecken von oben kommen: Bomben und Raketen.

          Dass sie sehr emotional spreche, durfte sich Marieluise Beck so oft anhören, dass Robin Alexander irgendwann die anderen Herren zur Ordnung rufen musste: Ein sachliches und pragmatisches Argument sei nicht schon deshalb emotional, weil es von einer Frau komme. Und Emotionen, darauf bestand Marieluise Beck zum Schluss hin, können ja ganz produktiv wirken in der Politik: Wann, wenn nicht jetzt, wäre denn der Moment, da der Kanzler und vielleicht auch die Spitzen der Koalitionsparteien, womöglich sogar auch der Oppositionsführer vors Volk treten und mit angemessenem Pathos sagen müssten, dass jetzt das Embargo komme. Dass man dafür Opfer bringen werde, dass aber alles schlimmer kommen werde, wenn man Putin jetzt nicht stoppe. Vielleicht sogar, dass Deutschland hier eine moralische Verpflichtung hat.

          Von Klingbeil und Söder war da wenig mehr zu sehen als Überfordertheit von solchem Pathos. Veronika Grimm schien Zustimmung zu signalisieren. Das muss wohl diese feministische Außenpolitik sein, die von Männern gern belächelt wird.

          „Streit um russisches Gas und Öl – soll Deutschland den Import sofort stoppen?“ Das war an diesem Sonntag die richtige Frage für diese Talkshow. Die Antwort wird zu spät und zu zögerlich kommen.

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