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TV-Kritik: Anne Will : Ein Elefant namens Impfpflicht

  • -Aktualisiert am

Virologin Melanie Brinkmann spricht während der Sendung von Anne Will. Bild: NDR/Wolfgang Borrs

Bei Anne Will prallen Wissenschaft und Politik ungebremst aufeinander. Auch nach 21 Monaten Corona-Pandemie hört die Politik noch immer nicht zu. Die Moderatorin oft leider auch nicht.

          6 Min.

          Die vierte Welle trifft Deutschland derzeit mit voller Wucht. Ob Hospitalisierungsrate, Todesfälle oder die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz – jeder Indikator steigt täglich auf neue Rekordwerte. In der Politik hingegen wird lieber das Ende der epidemischen Lage von nationaler Tragweite verkündet.

          Anne Will jedenfalls ruft an diesem Abend im Titel ihrer Sendung die „Corona-Notlage“ aus und will wissen, ob Deutschland die vierte Welle überhaupt noch brechen kann. Beantworten sollen das die Virologin Melanie Brinkmann, die Leiterin des „COVID-19 Snapshot Monitoring“ Cornelia Betsch, sowie für die Politik Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Hubertus Heil (SPD) und Tobias Hans (CDU).

          Gleich zu Beginn setzt Will nochmals den Ton der Sendung – und bemüht dafür den Chef des Robert Koch Instituts (RKI). Denn dem sonst so besonnen und zurückhaltend wirkenden Lothar Wieler war am vergangenen Mittwoch beim Vortragen der aktuellen Corona-Zahlen der Kragen geplatzt: Deutschland laufe in eine „schlimme Notlage“ und werde ein „schlimmes Weihnachtsfest“ erleben, warnte der RKI-Präsident. Und dabei wollte er es diese Woche nicht belassen, sondern knüpfte sich auch die deutsche Corona-Politik vor: zu träge, zu nachlässig und zu schnell zu viel ge­öffnet, obwohl die Szenarien für den Winter längst bekannt gewesen seien. Nach 21 Monaten könne er es schlicht nicht mehr ertragen, dass ihm und den Vi­rologen nicht zugehört werde.

          Wissenschaft versus Politik

          Denn genau jener Konflikt bricht auch bei Anne Will auf: auf der einen Seite die Warnungen und Appelle der Wissenschaft, auf der anderen Seite die Verteidigungshaltung, Beschwichtigungen und gar Schuldzuweisungen der Politik.

          Gleich zu Beginn gibt die Virologin Melanie Brinkmann deutlich zu verstehen, wie frustriert auch sie sei angesichts ihrer mehrfachen Warnungen und Appelle – und des verantwortungslosen Handelns der Politik. Nachdem Anne Will den Vorwurf von Markus Söder vorträgt, sämtliche Virologen hätten die Wucht der vierten Welle unterschätzt, reißt sich Brinkmann sichtlich zusammen und erklärt nochmals, was exponentielles Wachstum – von dem die Pandemie angetrieben wird – bedeute: Ein Wassertropfen fällt in ein Fußballstadion – und nach 42 Tagen sei das Stadion schon halb voll. Die Gefahr dabei sei, dass der Vorgang trügerisch langsam beginne. Als die Virologin schließlich den Bogen zur Politik spannt, hält sie kurz inne und sagt: „Das kann ich nicht verstehen. Das kann ich nicht verstehen.“ Zwei Mal, damit es auch ankommt.

          Anne Will will wissen, ob die aktuellen Beschlüsse ausreichen könnten, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Brinkmann unterscheidet daraufhin zwischen den einzelnen Regionen und den unterschiedlichen Inzidenzen. Ihrer Meinung nach werde es in Sachsen, Thüringen und Bayern nicht ausreichen, auf 2G, 3G und Homeoffice umzuschwenken. In Regionen mit wenigen Neuinfektionen hingegen könnte es laut Brinkmann reichen. Man möchte an dieser Stelle in die Runde springen und rufen: Es könnte reichen. Ein Konjunktiv. Es muss nicht reichen. Denn wie so oft lauschen die anwesenden Politiker Brinkmanns Ausführungen, nicken dabei – und werden später doch wieder jede Schuld für zu spätes oder gar falsches Handeln von sich weisen und bei anderen suchen.

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