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„Anna Karenina“ in der ARD : Vom Glück unter Windmühlen

Das tragische Paar: Santiago Cabrera als Wronski und Vittoria Puccini als Anna Bild: ARD Degeto/Beta Film/LUX Vide

Von stürmischen Gefühlen ist abzuraten: Eine Neuverfilmung von „Anna Karenina“ setzt ganz auf Tolstois Altersweisheit und stellt die tragische Heldin in den Schatten eines glücklichen Paars.

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          Als Tolstois Liebesklassiker „Anna Karenina“ erschien, dauerte es nicht lange, bis seine tragische Heldin die Herzen der Leser eroberte. Tolstoi dagegen nannte seine Protagonistin eine „widerwärtige Frau“, bevor sie sich dann doch noch in sein Herz schlich. Später schrieb er in einem Brief liebevoll von seinem „Ziehkind Anna“, was ihn nicht davon abhielt, in seinem Roman grausam mit ihr zu walten. Tolstoi hatte viele Kinder, dreizehn allein von seiner Frau, mit der er fast fünfzig Jahre lang eine konfliktreiche Ehe führte, und auch in der Umgebung seines Landguts sollen ihm viele Kinder verräterisch geähnelt haben. Als er die „Karenina“ schrieb, hatte ihn der Zweifel an seiner Lebensweise gepackt, der ihn später zum Prediger einer asketischen Lebens auf dem Land machte. Das gesellschaftliche Fundament dieses Altersweltbilds sollte die Ehe sein.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          Sein berühmter Roman über die bekennende Ehebrecherin Anna Arkadjewna Karenina ist in seiner Struktur ein Spiegel der biographischen Wende. Wie eine Art Absicherung hat ihm Tolstoi neben der lodernden Liebe zwischen Anna Karenina und dem Grafen Wronski eine zweite, gegenläufige Erzählung eingefügt. Sie handelt von dem Rousseauschen Sinnsucher Konstantin Lewin, der mit der im zweiten Anlauf eroberten Fürstentochter Kitty Schtscherbazkaja ein rechtschaffenes Familienglück auf dem Lande lebt. Was dem Roman seinen Rang verleiht, ist die Tatsache, dass Tolstoi hier immer wieder über die Ränder seines moralischen Koordinatensystems schreibt.

          Die mehr als ein Dutzend Verfilmungen, die es von ihm gibt, haben den weltanschaulichen Handlungsstrang meist aufs Nebengleis verschoben oder, wie zuletzt Joe Wrights bühnenhafte Fassung mit Keira Knightley in der Hauptrolle, ganz auf ihn verzichtet. Anders der Film des französischen Regisseurs Christian Duguay, den das Erste hintereinander in zwei Teilen zeigt. Hier wird der Rahmen sogar noch einmal enger gefasst und die Geschichte ganz als Konkurrenzkampf zweier Liebeskonzepte angelegt.

          Das erkaltete Paar: Benjamin Sadler als Alexej Karenin und Vittoria Puccini

          Duguay beginnt werkgetreu mit dem berühmten ersten Satz der literarischen Vorlage, nach dem die glücklichen Familien einander gleichen und die unglücklichen in ihrem Unglück verschieden sind. Zu Letzteren gehört die Amour fou zwischen dem schmucken Offizier Wronski und der reifen, lebensklugen Anna Karenina, die ihren Mann, den gefühlskalten Ministerialbeamten Alexej Karenin, verlässt und auch sein Angebot, den Bruch innerhalb der gesellschaftlichen Konventionen zu leben, ausschlägt. Die anderen beiden, Lewin und die mädchenhafte Kitty, sind aus einer doppelten Demütigung hervorgegangen. Kitty bekam von Wronski einen Korb, zuvor hatte sie den Heiratsantrag von Lewin ausgeschlagen. Duguay zeigt sie als an der Ernüchterung gereiftes Paar.

          Er spart aber auch nicht an sinnlichen Reizen. Über die schicksalhafte erste Begegnung von Anna und Wronski am Bahnhof, den Ball, auf dem Pflicht und Neigung miteinander kämpfen, bis zum berühmten Pferderennen, in dem der Konflikt mit der Gesellschaft aufbricht, ist das Romangeschehen en detail in prächtigen Bildern und Kulissen dargeboten. In drei Stunden Spielzeit kann sich das Drehbuch den Luxus leisten, die vielen Wendungen im Ehe-Schach zwischen Karenin und Anna nachzuspielen.

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