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Gezeichnetes Fukushima : Aus Trümmern sollen tausend Blumen wachsen

Zeichen der Hoffnung: Schüler bemalen die Trümmerlandschaft nach dem Erdbeben vom 11. März 2011 mit Blumen. Bild: Studio Gainax

Fünf Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima will ein japanischer Trickfilm neue Hoffnung stiften. Vielen ist das Bild, das er zeichnet, zu rosig.

          3 Min.

          Es ist eine geisterhafte Landschaft, immer noch. Wer heute durch die Randgebiete des japanischen Küstenortes Minamisoma streift, sieht die Ruinen von Häusern, die Opfer der Überschwemmung wurden. Alte Bettdecken, Fernseher und gesprungenes Porzellan liegen in den Trümmern – überwuchert von Grün. Brücken über Flussmündungen sind fortgespült. An den Rändern verlassener Straßen lagern Reste verseuchter Erde in großen, schwarzen Säcken.

          Axel Weidemann
          Redakteur im Feuilleton.

          Am 11. März 2011 hatte ein Erdbeben die Region Tohoku erschüttert. Das Beben und die von ihm ausgelöste Tsunamiwelle führten zu Kernschmelzen in den Reaktoren 1 bis 3 des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi. Zeitgleich brachen riesige Wellen über die Küstenregion herein.

          Um diesen Bildern des Schreckens etwas entgegenzusetzen, hat die Präfektur Fukushima Zeichner unter der Ägide des japanischen „Studios Gainax“ einen Anime-Film schaffen lassen, der unlängst in Tokio präsentiert wurde und in voller Länge auf dem Youtube-Kanal der Präfektur (PrefFukushima) zu sehen ist.

          Er besteht aus zehn zweiminütigen Episoden. Sein Titel „Mirai e no Tegami – Kono michi no tochu kara“ („Briefe an die Zukunft – Von der halben Strecke des Weges“) deutet schon an, dass er Mut machen soll für das Morgen in der Region. Die besagten Briefe haben Menschen verfasst, die die Katastrophe überlebt haben: solche, die in der Region geblieben sind, und solche, die gegangen sind oder zurückgekehrt; Schüler, Angestellte, Lehrer, Journalisten. Für den Film liest der Schauspieler Dean Fujioka, der selbst aus der Gegend stammt, die Texte. In einem Brief erzählt ein Oberschüler, wie er die Hoffnung wiederfand, die er angesichts der Trümmer-Trostlosigkeit verloren glaubte. Er traf auf eine Gruppe von Schülern, die Blumen auf die Mauerreste und Ruinen der Trümmerlandschaft malten. In der animierten Episode wirkt die Geste nicht hilflos, sondern trotz des skizzenhaften Zeichenstils groß.

          Eine andere Geschichte handelt von einem Lehrer, der seinen Schülern versprochen hat, seine Haare so lange nicht zu schneiden, bis alle seine Schüler, die nach dem Unglück fortgezogen waren, an die Schule zurückgekehrt seien.

          Die Möwen von Onahama

          An anderer Stelle unterhalten sich die Möwen des kleinen Fischereihafens von Onahama: Nun, da das Leben in ihr Revier zurückgekehrt ist, müssen sie nicht mehr darben. Lange lag der Hafen durch das Fangverbot für die umliegenden Gewässer wie ausgestorben da, seit die Schiffe wieder auslaufen und Fang von weit her mitbringen, bekommen auch die Möwen wieder den Hals voll. Eine andere Miniatur inszeniert mit einer Anmutung zwischen Comic und Computerspiel die Studenten, die sich in Notunterkünften für Zurückgebliebene und Jene ohne Bleibe selbst bei den Alten und Einsamen einquartiert haben, um ihnen beizustehen. „Iru dake“ (einfach da sein) nannten sie ihre Aktion, und als sie in einer kleinen Containerwohnung ihren Studienabschluss feiern, stimmt auch der stille Senior von nebenan in ihre Hochrufe ein: „Banzai“

          In der vorletzten Episode, die unbewegte, aber detaillierte Panoramen der verwüsteten Landstriche zeigt, sinniert ein Lokaljournalist darüber, welchen Dienst er seinen Lesern damit erwiesen hat, dass er nach der Katastrophe über jedes grausige Detail, das ihm vor Ort begegnete, berichtete. Als die Flut schlechter Nachrichten, die er zu verkünden hatte, nicht abebbte, begann er zu zweifeln: Hilft es, all das Schreckliche zu veröffentlichen, oder macht es das Leben nur noch schwerer?

          Der Anime als Marketinginstrument

          Der Film ist auch ein Instrument des Regionalmarketings. Die Präfektur Fukushima kämpft dafür, dass sich sowohl Einheimische als auch Touristen nicht von der schwer mitgenommenen Region abwenden. Doch nicht alle Bewohner teilen die heraufbeschworene Aufbruchstimmung. Katsunobu Sakurai, der Bürgermeister von Minamisoma, beklagte im Foreign Correspondents’ Club of Japan, der Infrastruktur für ausländische Journalisten bereitstellt, sein Ort hätte auch fünf Jahre nach der Katstrophe noch mit ihren Folgen zu kämpfen. Was die Sache aus seiner Sicht verschlimmere, sei Japans Rückkehr zur Atomenergie.

          Im Sommer 2015 gingen die ersten abgeschalteten Reaktoren unter neuen Sicherheitsbestimmungen wieder ans Netz. Darüber sind nicht nur die Bewohner der von der Reaktorkatastrophe betroffenen Gebiete wütend. Umfragen zufolge sind mehr als siebzig Prozent der Japaner für einen endgültigen Ausstieg aus der Atomenergie. Aber um solche Kritik macht der Trickfilm einen weiten Bogen und setzt die Themen Rückkehr und Wiederbevölkerung eher einseitig beleuchtet ins Bild.

          Der Wiederaufbau, sagen die Bewohner von Minamisoma, bringe viele Teilzeitarbeiter und Arbeitslose aus allen Teilen Japans in ihre Region. Die in der Gegend verwurzelten Menschen seien zwar froh über die helfenden Hände, aber die Zusammensetzung der Bevölkerung ändere sich, und das löse ein Gefühl der Fremdheit aus. So wirkt der Film selbst wie die aufgemalten Blumen, von denen er erzählt, gezeichnet über einer Realität, die grauer ist als die beschworenen Bilder. Aber die Episoden leisten auch etwas anderes: Sie lenken den Blick ein wenig weg von der jährlichen Schlaglichtberichterstattung um den Jahrestag der Katastrophe am 11. März und hin zu den Menschen, die mit ihren Nachwirkungen leben.

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