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Angst um „Knut“ : Der Eisbär und die Giftspritze

  • -Aktualisiert am

Der Eisbär der Stunde: Knut Bild: Reuters

Die Medien sind in heller Aufregung: Ausgerechnet ein Tierschützer soll gefordert haben, dass das Eisbärenbaby Knut, der neue Liebling der Berliner, getötet wird. Ein Verrückter? Nein - eine Falschmeldung. Von Julia Voss.

          Eine der unbeliebtesten Personen in Deutschland dürfte in diesen Tagen ein Fenstermonteur aus einer 40.000 Einwohner zählenden Kleinstadt in Süddeutschland sein. Die Arbeit, für die er eigentlich bezahlt wird, besteht darin, Fenster in Häuser einzupassen. Deshalb war er auch am Montag wieder zu einem Neubau unterwegs. Nur begrüßt wurde er dieses Mal anders. Nicht mit: „Guten Morgen, Frank!“ Sondern mit: „Ich dachte, du bist Tierschützer?!“

          Immerhin, das war noch eine Frage. Aufgeheizter ist die Stimmung gegen den Tierschützer Frank in Internet-Foren. „Setzen Sie mal diesen Tierschützer an die Stelle des kleinen Eisbären“, schlägt ein Beiträger vor, „ich glaube, er wäre der Erste, der laut nach Hilfe schreien würde.“

          „Wird süßer Knut totgespritzt?“

          Die Situation, in die der Tierschützer Frank Albrecht versetzt werden soll, ist die des am 5. Dezember im Berliner Zoo geborenen Eisbärenbabys Knut. Weil die Eisbärenmutter ihren Nachwuchs verstieß, starb Knuts Bruder; die andere Tierwaise wird seitdem von einem Pfleger von Hand großgezogen, mit Milch, Mais, Sirup, Lebertran und Fleischbrei. Inzwischen wiegt Knut fast acht Kilogramm, Fotos zeigen das schneeflockenweiße Tierkind, wie es wankend Gehversuche unternimmt, sein Schnäuzchen im Milchnapf badet oder sich mit einem Teddy-Bären herumrollt.

          Der Eisbär der Stunde: Knut Bilderstrecke

          Doch in den vergangenen Tagen verbanden mit den niedlichen Fotos das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ und die „Bild“-Zeitung eine grausam klingende Nachricht: Wegen der nicht artgerechten Aufzucht per Hand hätten Tierschützer den Tod des kleinen Bären gefordert. Der „Spiegel“ meldete das nur, ohne Namen zu nennen. In der „Bild“ stand darauf: „Wird süßer Knut totgespritzt?“ - und Frank Albrecht mit dem Satz: „Die Handaufzucht ist nicht artgerecht, sondern ein grober Verstoß gegen das Tierschutzgesetz! Eigentlich müsste der Zoo das Bärenbaby töten.“ Ein Naturfundamentalist? Ein Verrückter?

          Nein, ein falsches Zitat. Am 24. Januar, also knapp sechs Wochen nach Knuts Geburt, verschickte Frank Albrecht, der seit sechzehn Jahren Tierschutzverstöße in deutschen Tierparks recherchiert, eine Pressemitteilung. Darin teilte er mit, dass er den Berliner Zoo wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angezeigt habe, wegen der nicht artgerechten Haltung von Knut.

          „Armer, süßer Eisbär Knut“

          Im Dezember hatte der Tierrechtler bereits Strafanzeige gegen den Leipziger Zoo-Direktor Jörg Junhold gestellt. Junhold hatte veranlasst, dass ein von seiner Mutter verstoßenes Lippenbärbaby mit einer Giftspritze getötet worden war. Albrechts Strafanzeige lehnte die Leipziger Staatsanwaltschaft jedoch ab. Der Grund: Handaufzucht habe Verhaltensstörungen bei Tieren zur Folge, dieses Leiden sei durch die Tötung unterbunden worden.

          Für Albrecht war das ein Widerspruch. Wenn der Leipziger Zoo ein Bärenbaby wegen der Folgeschäden straffrei töten durfte, dann müsste doch auch die Flaschenaufzucht von Knut illegal sein? Also verklagte er den Berliner Zoo und erklärte gegenüber der „Bild“, dass nach der Logik des Leipziger Zoos auch in Berlin das Bärenbaby getötet werden müsse. Daraus wurde - zum ersten Mal Ende Januar - die „Bild“-Schlagzeile: „Armer, süßer Eisbär Knut. Tierschützer fordert seinen Tod.“ Und Anfang dieser Woche wurde es noch einmal behauptet.

          Die Betonung liegt auf „leben“

          Wie oft Frank Albrecht diesem Unsinn in den letzten Wochen widersprochen hat, ist nicht mehr zählbar. „Es ist völlig falsch“, schrieb er bereits am 12. Februar in einem Leserbrief, „dass der Tierrechtler, der den Zoo Berlin wegen der Handaufzucht von Knut angezeigt hat, auch dessen Tötung forderte.“

          Geklagt hatte Albrecht in der Hoffnung, dass eines Tages das Züchten von Tieren in Zoos generell verboten wird. „Nichtmenschliche Tiere“ nennt er Bären wie Knut. Und dass sie ein Recht darauf hätten, „frei und selbstbestimmt zu leben“. Die Betonung liegt auf „leben“.

          Als Albrecht auf Montage auf Knut angesprochen wurde, sagte er nur: „Überleg' doch mal.“ Grund zu überlegen ist dieser Fall. Viele Schlagzeilen und Internet-Foren können nur zum Gruseln anleiten. Menschen werden in einer solchen Diffamierungsstimmung alle Nase lang fertig gemacht. Wenn es dabei um ein knuddeliges Tier geht, offensichtlich umso leichter.

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