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„Angriff auf Paris“ bei Netflix : Das Schweigen der Bilder

Einer der Tatorte der Schreckensnacht: Um 21.40 Uhr sprengte sich Ibrahim Abdeslam im Café Comptoir Voltaire im 11. Arrondissement in die Luft. Bild: Netflix

Am 11. September 2001 waren Jules und Gédéon Naudet in den Twin Towers in New York. Jetzt erzählen sie vom 13. November 2015. Es ist eine Litanei der Überlebenden und des Sieges über den Terrorismus: „Angriff auf Paris“.

          Netflix habe das Festival von Cannes k. o. geschlagen, befand der „Figaro“ gerade: keine Stars, keine amerikanischen Filme und immer der gleiche Streit um die Kinos, in denen Netflix seine Produktionen partout nicht zeigen will. Festival-Direktor Thierry Frémaux zelebriere seine Hartnäckigkeit zur „Revanche von Louis Lumière gegen Edison“, zum vermeintlichen Sieg der Kultur über die Technologie. Auch der Dreiteiler „Angriff auf Paris“ der französischen Dokumentarfilmer Jules und Gédéon Naudet stand nicht auf dem Programm des Festivals, das als Antwort auf Hollywood gegründet worden war. Man kann die kulturpolitischen Vorbehalte durchaus nachvollziehen, doch der Erfolg von Netflix auch in Frankreich – mit 3,5 Millionen Abonnenten – ist längst zur Bedrohung für das Abo- Fernsehen, das in die Filmproduktion eingebunden ist, geworden. Mit der monumentalen Nacherzählung des 13. Novembers 2015, die an Lanzmanns „Shoa“ gemahnt, schärft Netflix sein Profil: Die Autoren bezeichnen ihren amerikanischen Produzenten als „ideales Medium“ für ihre globale Botschaft. Mit Geld hat das nichts zu tun.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Aufnahmen von Jules und Gédéon Naudet hat jeder schon gesehen. Sie waren mit ihren Kameras vor Ort, als Usama Bin Ladins Terrorpiloten die Passagierflugzeuge ins World Trade Center lenkten. Die Naudets waren direkt am Ort des Anschlags, ihre Bilder prägen die Erinnerung an das Attentat. Seither sind die beiden Filmemacher weltberühmte Stars. Netflix, sagen sie, „hat uns jede Freiheit gelassen, das ist alles andere als selbstverständlich“. Und „ideal“ sei auch der Verbreitungsmodus: „Man kann den Film unterbrechen, eine Pause machen, zurückgehen, wiederholen. Abschalten, wenn man es nicht mehr erträgt. Wir wollen den Zuschauer nicht erschlagen, er soll seinem eigenen Rhythmus folgen. Und es gibt keinerlei Zwang, an einem einzigen Abend eine hohe Einschaltquote zu erreichen.“

          Jules und Gédéon Naudet wurden 1970 und 1973 in Paris geboren. Sie studierten in New York und wurden für mehrere Dokumentarfilme über „ganz gewöhnliche Menschen“ mit Preisen ausgezeichnet. Im Sommer 2001 begannen sie eine Dokumentation über die Ausbildung der Feuerwehr in New York. Am 11. September begleitete Jules Naudet einen Löschzug zu einem Gasalarm in der Nähe des World Trade Centers und filmte den Einschlag des ersten Flugzeugs. Sein Bruder, der auf der Feuerwache geblieben war, rückte mit weiteren Löschzügen aus und war zum Zeitpunkt des Anschlags auf dem Südturm. Ihre Aufnahmen von Menschen, die wie Streichhölzer zu Boden fallen, vergisst so leicht niemand.

          In der Gegenwart sprechen

          Die Naudets lehnten alle Millionenangebote für ihre Aufnahmen ab und verkauften nur ein paar Sequenzen. 180 Stunden hatten sie gefilmt. Aus diesem Material machten sie für CBS einen abendfüllenden Film, der im Frühjahr 2002 Premiere hatte und am 11. September in 142 Ländern im frei empfangbaren Fernsehen ausgestrahlt wurde. Die Einnahmen wurden der New Yorker Feuerwehr gespendet. Fünf Jahre später machten sie einen weiteren Dokumentarfilm: „Damals starben viele, die in den Twin Towers im Einsatz waren, an Krebs. Das sollte vertuscht werden. Wir hatten die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun.“

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