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Angela Merkel bei Anne Will : Was traut man ihnen noch zu?

Bundeskanzlerin Angela Merkel war am Sonntag zu Gast bei Anne Will. Bild: NDR

Der Auftritt der Kanzlerin bei Anne Will hat noch einmal gezeigt: Der Umgang der Politik mit dem Virus ist keine One-Woman-Show.

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          Am Abend der Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vor zwei Wochen gab es eindeutige Verlierer und eindeutige Gewinner. Verloren hatte die CDU, gewonnen hatten Malu Dreyer (für die SPD) in Mainz und Winfried Kretschmann (für die Grünen) in Stuttgart. Es gab aber noch weitere Sieger, zumindest dem eigenen Empfinden und Auftreten vor laufenden Kameras nach: Die FDP, die sich überall zum Mitregieren aufgerufen sieht, und die SPD, deren Generalsekretär seine Partei als unbedingten Koalitionspartner im Ländle ausgab. Das vorläufige amtliche Endergebnis indes weist die SPD dort mit einem Stimmenergebnis von elf Prozent (knapp vor FDP und AfD) als nicht wirklich umwerfende dritte Kraft im Landtag aus. Die FDP wiederum hat es in Rheinland-Pfalz mit 5,5 Prozent gerade noch über die Hürde geschafft. Offenbar kein Grund, sich nicht obenauf zu fühlen.

          Der medialen Betrachtung, die stets nach Sieger und Verlierern fragt, nach Helden und Versagern, kommt das entgegen. Doch zeigt diese sich nicht erst jetzt, sondern schon seit Beginn der Corona-Pandemie der Lage nur bedingt gewachsen. Denn in dieser gibt es vielleicht Gewinner, allerdings keine, die eine Lösung allen Übels parat hätten. Da stehen manche besser da, meinen, sie wüssten es besser, man darf nur nicht danach fragen, wie sie den Leuten den Pelz waschen wollen, ohne dass jemand nass wird.

          Das zeigt sich beim vorösterlichen Lockdown-oder-nicht-Chaos wie in einem Brennglas. Zuerst wird eine Osterpause angeordnet, dann wird diese suspendiert, Angela Merkel entschuldigt sich dafür und erklärt bei Anne Will, warum: Weil das für Verunsicherung gesorgt habe. Als politisch Verantwortliche solle man, wolle sie, sich das nicht leisten. Das aber sollte auch für die sechzehn anderen gelten, die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten, die gemeinsam mit der Bundeskanzlerin Beschlüsse fassen und, kaum sind sie durch die Tür, tun und lassen, schließen und öffnen, wie es beliebt.

          Der deutsche Föderalismus, gepaart mit Bürokratisierung, die nur die EU noch übertrifft, spielt seine ganzen Schwächen aus. Bis dato schadete das der Union nicht, jetzt reißt es sie ins Umfragetief, weil, wie der ehemalige Talkshowchampion und CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach im Deutschlandfunk sagte, in der Wahlkabine nur eins zählt: Wem traue ich zu, die Lage am ehesten zu beherrschen? Wem vertraue ich? Angesichts der herrschenden Verantwortungsdiffusion, bei der nicht einmal klar ist, wer Grund für ein Mea culpa hat beziehungsweise wer sich davon ausnehmen darf, dürfte die Frage nicht ganz leicht zu beantworten sein. Daran hat der Auftritt von Angela Merkel bei Anne Will am Sonntag nichts geändert.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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