https://www.faz.net/-gqz-8e4wb

Angela Merkel bei Anne Will : Ihr Glaube versetzt Berge

Richtungsweisend: Angela Merkel bei Anne Will. Bild: dpa

In ihrer Lieblingstalkshow bleibt die Bundeskanzlerin standhaft. Auf ihr „Wir schaffen das“ setzt sie fester denn je. Die Frage ist allerdings, was das noch mit Politik zu tun hat.

          Wer Angela Merkel eine Stunde lang zuhört, kann sich entspannt zurücklehnen. Denn nach einer Stunde Redezeit bei Anne Will im ersten deutschen Fernsehen ist klar: Die Welt ist noch immer in Ordnung. Sie bleibt es und sie wird es, solange die Bundeskanzlerin da ist. Deutschland geht in der Flüchtlingskrise mit leuchtendem Beispiel voran. Wir können stolz sein. Der „Grundcharakter“ unserer Gesellschaft bleibt erhalten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es ist eine wichtige Zeit, „die auch entscheiden wird, wie Deutschland dasteht in Europa,“ sagt die Bundeskanzlerin zu Beginn. Wir werden „aus der Herausforderung stärker hervorgehen, als wir hineingegangen sind“, sagt sie etwas später. Für eine Kursänderung gibt es gar keinen Grund. „Wir schaffen das“ gilt fester denn je. Die anderen europäischen Staaten werden unserem Beispiel schon folgen. „Das ist doch alles logisch“, sagt Angela Merkel. Man muss nur an sich glauben, „dann kann man auch Berge versetzen“. Alles klar? Für Anne Will, die am Ende von der Rolle der zwischendurch kritisch fragenden Journalistin in die der freundlich blickenden Abnickerin gewechselt ist, scheint alles klar zu sein. Aber gilt das auch für den Rest dieses Landes?

          Clausnitz und Heidenau

          Man muss auf die Choreographie einer solchen Talkshow schauen, will man verstehen, wie der Eindruck entstehen kann, die Bundeskanzlerin, der die Dinge angeblich entglitten sind, habe doch alles im Griff. Das Motto der Sendung lautet: „Deutschland gespalten, in Europa isoliert – Wann steuern Sie um, Frau Merkel?“ Die ersten Fragen, mit denen Anne Will den Ton setzt, sind aber ganz andere. Da will sie wissen, wie die Bundeskanzlerin sich fühlt und ob sie die „Stärke“ und die „Liebenswürdigkeit“ der Deutschen nicht vielleicht überschätzt hat. Illustriert wird das mit den Bildern aus Clausnitz.

          Die Bundeskanzlerin spricht von ihrem Besuch in einem Flüchtlingsheim in Heidenau, bei dem sie auf das Unflätigste von Demonstranten beschimpft wurde. Anne Will stellt die Frage, ob das noch Angela Merkels Deutschland und ob das „noch ihr Volk“ ist. Das ist natürlich nicht Angela Merkels Land und nicht ihr Volk, genauso wenig wie ein Europa das ihre ist, das keine Flüchtlinge aufnimmt.

          Neben ihr sind alle anderen klein

          Damit ist eine moralische Frontenbildung erreicht und eine Fallhöhe vorgegeben, von der aus alles andere nur noch nach Klein-Klein aussieht: Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten geraten zur Episode. Angela Merkel nennt sie „verheerend“. Mit dem Hinweis, dass jeder, „der gegen die Rechtsordnung vorgeht, zur Rechenschaft gezogen werden muss“, ist der Fall dann aber auch erledigt. Er zeige, sagte die Bundeskanzlerin, „was die Integration für eine Aufgabe ist“.

          Am Ende herrschte Zufriedenheit.

          Dass das kein Einzelfall war, kein Schlaglicht, kein Eindruck, keine Frage der Stimmung, sondern sich zu einem Problem und zu einem Misstrauen in die Fähigkeiten des Staates (und der Berichterstattung der Presse) ausgewachsen hat, was ganz wesentlich zu einer Polarisierung der Gesellschaft beiträgt, ist nicht das Thema. Anschläge auf Asyleinrichtungen, Kriminalität an Flüchtlingen und von diesen, die Hetze im Netz, rechte und linke Straßenmobs – all das erscheint in der Sendung von Anne Will ganz fern, ganz klein.

          Weitere Themen

          Ba-ba-ba-ba-Batman! Video-Seite öffnen

          Comic-Reihe wird 80 : Ba-ba-ba-ba-Batman!

          Wie in Gotham City wurde in Mexiko Stadt pünktlich um 8 Uhr abends das Batman-Symbol an ein Hochhaus geworfen. Viele Fans ließen sich das Spektakel zum 80. Geburtstag der Comic-Reihe nicht entgehen.

          Das deutsche Klima-Experiment

          FAZ Plus Artikel: Klimakabinett : Das deutsche Klima-Experiment

          Deutschland allein kann das Klima nicht retten. Aber andere Länder schauen genau darauf, wie Kanzlerin Merkel versucht, die Emissionen zu senken. Kann Deutschland Vorbild sein oder muss es über den Ärmelkanal schauen?

          Topmeldungen

          An der Seite von Olaf Scholz: Die Brandenburger SPD-Politikerin Klara Geywitz bewirbt sich mit dem Finanzminister um den SPD-Vorsitz.

          Kritik an Geywitz : SPD-Harmonie mit Rissen

          Mit der ungewohnten Einigkeit, die die SPD derzeit ausstrahlt, ist es schon wieder vorbei. Kandidatin Geywitz wird heftig kritisiert. Getroffen werden soll aber eigentlich ein anderer.
          Günter Kunert (1929 - 2019).

          Im Alter von 90 Jahren : Dichter Günter Kunert gestorben

          Seine Familie wurde in der NS-Zeit verfolgt, zahlreiche Angehörige wurden ermordet. In DDR war er ein politischer Dissident. Geschrieben und gedacht hat er im Geiste Heinrich Heines. Nun ist der Dichter Günter Kunert im Alter von neunzig Jahren gerstorben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.