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Angela Merkel bei Anne Will : Ihr Glaube versetzt Berge

Richtungsweisend: Angela Merkel bei Anne Will. Bild: dpa

In ihrer Lieblingstalkshow bleibt die Bundeskanzlerin standhaft. Auf ihr „Wir schaffen das“ setzt sie fester denn je. Die Frage ist allerdings, was das noch mit Politik zu tun hat.

          Wer Angela Merkel eine Stunde lang zuhört, kann sich entspannt zurücklehnen. Denn nach einer Stunde Redezeit bei Anne Will im ersten deutschen Fernsehen ist klar: Die Welt ist noch immer in Ordnung. Sie bleibt es und sie wird es, solange die Bundeskanzlerin da ist. Deutschland geht in der Flüchtlingskrise mit leuchtendem Beispiel voran. Wir können stolz sein. Der „Grundcharakter“ unserer Gesellschaft bleibt erhalten.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Es ist eine wichtige Zeit, „die auch entscheiden wird, wie Deutschland dasteht in Europa,“ sagt die Bundeskanzlerin zu Beginn. Wir werden „aus der Herausforderung stärker hervorgehen, als wir hineingegangen sind“, sagt sie etwas später. Für eine Kursänderung gibt es gar keinen Grund. „Wir schaffen das“ gilt fester denn je. Die anderen europäischen Staaten werden unserem Beispiel schon folgen. „Das ist doch alles logisch“, sagt Angela Merkel. Man muss nur an sich glauben, „dann kann man auch Berge versetzen“. Alles klar? Für Anne Will, die am Ende von der Rolle der zwischendurch kritisch fragenden Journalistin in die der freundlich blickenden Abnickerin gewechselt ist, scheint alles klar zu sein. Aber gilt das auch für den Rest dieses Landes?

          Clausnitz und Heidenau

          Man muss auf die Choreographie einer solchen Talkshow schauen, will man verstehen, wie der Eindruck entstehen kann, die Bundeskanzlerin, der die Dinge angeblich entglitten sind, habe doch alles im Griff. Das Motto der Sendung lautet: „Deutschland gespalten, in Europa isoliert – Wann steuern Sie um, Frau Merkel?“ Die ersten Fragen, mit denen Anne Will den Ton setzt, sind aber ganz andere. Da will sie wissen, wie die Bundeskanzlerin sich fühlt und ob sie die „Stärke“ und die „Liebenswürdigkeit“ der Deutschen nicht vielleicht überschätzt hat. Illustriert wird das mit den Bildern aus Clausnitz.

          Die Bundeskanzlerin spricht von ihrem Besuch in einem Flüchtlingsheim in Heidenau, bei dem sie auf das Unflätigste von Demonstranten beschimpft wurde. Anne Will stellt die Frage, ob das noch Angela Merkels Deutschland und ob das „noch ihr Volk“ ist. Das ist natürlich nicht Angela Merkels Land und nicht ihr Volk, genauso wenig wie ein Europa das ihre ist, das keine Flüchtlinge aufnimmt.

          Neben ihr sind alle anderen klein

          Damit ist eine moralische Frontenbildung erreicht und eine Fallhöhe vorgegeben, von der aus alles andere nur noch nach Klein-Klein aussieht: Die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und anderen deutschen Städten geraten zur Episode. Angela Merkel nennt sie „verheerend“. Mit dem Hinweis, dass jeder, „der gegen die Rechtsordnung vorgeht, zur Rechenschaft gezogen werden muss“, ist der Fall dann aber auch erledigt. Er zeige, sagte die Bundeskanzlerin, „was die Integration für eine Aufgabe ist“.

          Am Ende herrschte Zufriedenheit.

          Dass das kein Einzelfall war, kein Schlaglicht, kein Eindruck, keine Frage der Stimmung, sondern sich zu einem Problem und zu einem Misstrauen in die Fähigkeiten des Staates (und der Berichterstattung der Presse) ausgewachsen hat, was ganz wesentlich zu einer Polarisierung der Gesellschaft beiträgt, ist nicht das Thema. Anschläge auf Asyleinrichtungen, Kriminalität an Flüchtlingen und von diesen, die Hetze im Netz, rechte und linke Straßenmobs – all das erscheint in der Sendung von Anne Will ganz fern, ganz klein.

          Ganz klein erscheint auch der von Anne Will zitierte Edmund Stoiber, der Angela Merkel die Polarisierung der Gesellschaft anlastet. Was diese selbstverständlich zurückweist. Von einem „zweiten Weimar“, das Anne Will als Stichwort nennt, will sie nichts hören. Ganz klein erscheint Sigmar Gabriel –  Angela Merkel sagt wörtlich er mache sich (und die SPD) „klein“ -, der einen großen Sozialpakt für die einheimische Bevölkerung fordert. Und ganz klein erscheinen schließlich die europäischen Nachbarn, die dem Kurs von Angela Merkel allesamt nicht folgen. Vorneweg die Ungarn und seit kurzem auch die Österreicher. Denn sie erkennen nicht, dass die Bundeskanzlerin einen großen Plan und alles eine Logik hat.

          „Meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit“

          Nach dieser Logik wollen alle in Europa gemeinsam die Flüchtlingskrise lösen. Deswegen treffen sich die Regierungschefs der Europäischen Union am 7. März und finden zu einer gemeinsamen Lösung. Worin wird diese bestehen? Das sagt die Bundeskanzlerin nicht. Sollte die gemeinsame Lösung der EU-Staaten am 8. März darauf lauten, dass die Flüchtlinge, die im Augenblick in Griechenland gestrandet sind, alle nach Deutschland kommen, kann Angela Merkel sagen, sie habe zuvor nichts versprochen. Hat sie auch nicht. Sie bleibt bei Anne Will in der ihr eigenen Art, mit zunehmend pastoralem Ton, mit aller Bestimmtheit völlig unbestimmt: „Meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit besteht darin, dass dieses Europa einen gemeinsamen Weg findet“, sagt die Bundeskanzlerin. Und, „dass wir Griechenland helfen, mit der Zahl der Flüchtlinge zurecht zu kommen.“ Was immer das heißen mag.

          Der Widerspruch zu Angela Merkels Ziel, weniger Flüchtlinge ins Land zu lassen, die Außengrenzen der EU zu schützen und die „Durchwink-Politik“ zu beenden, könnte sich jedenfalls vergrößern. Aber auch das, da sind wir uns sicher, würde Angela Merkel in der nächsten Sendung von Anne Will erklären können. Nicht erklären musste sie jetzt, warum sie alle ihre Verbündeten verloren und die europäischen Nachbarn vor vollendete Tatsachen gestellt hat. Die Entscheidung, die Flüchtlinge, die durch Ungarn irrten, aufzunehmen, mag tatsächlich ein „humanitärer Imperativ“ gewesen sein, wie die Bundeskanzlerin sagte. Doch was darauf folgte, war ein Alleingang, für den sie in der hiesigen politischen Landschaft von ihren früheren politischen Gegnern mit Hingabe bewundert wird.

          Bewunderungswürdig kann man Politiker durchaus finden, die bei ihrer Linie bleiben und nicht alle fünf Minuten ihren Standpunkt wechseln. Doch sollte man das nicht mit Ignoranz verwechseln und nicht mit einer Haltung, die Kritik an konkreten politischen Schritten und den Hinweis auf negative Folgen mit einer Moralpredigt abfertigt, die bei Angela Merkel in dem Statement gipfelt, dass sie bei all dem die „ureigensten Interessen Deutschlands“ vertrete und der Glaube Berge versetzen könne. Damit muss wohl ihr Glaube gemeint sein. So geht also weiter mit „Wir schaffen das“.

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