https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/andrew-callaghan-auf-youtube-ganz-eigene-art-von-journalismus-18207639.html

Gonzo-Journalismus : Dem Wahnsinn auf der Spur

  • -Aktualisiert am

Andrew Callaghan im Gespräch mit einem Besucher der Konferenz der National Rifle Association Bild: Channel5YouTube/Youtube

Andrew Callaghan hat fast zwei Millionen Follower auf Youtube. Dort macht der 25-Jährige seit ein paar Jahren eine ganz eigene Art von Journalismus. Auch den besseren?

          4 Min.

          Bevor Andrew Callaghan Fragen stellte, deren Antworten er längst kannte, versuchte er, den Menschen die Beichte abzunehmen: „What’s your deepest, darkest secret?“, fragte er dann standardmäßig und etwas unschuldig mit einem Mikrofon in der Hand. Damals stand er auf der Bourbon Street, der Amüsiermeile von New Orleans, zwischen Sauftouristen, die herkamen, weil sie dort im Gegensatz zum Rest des Landes ungezügelt auf der Straße trinken durften, und ließ sie vor laufender Kamera sich selbst entblößen. Die einfache Frage nach dem „tiefsten, abgründigsten Geheimnis“ brachte allerlei Promille-entfachte Inzestphantasien zutage und Callaghan die ersten viralen Hits auf Youtube als – ja als was eigentlich, als Journalist?

          Wahrscheinlich ist die Frage, was genau Andrew Callaghan ist, Content Creator, Youtube-Star, Gonzo-Reporter oder doch eher Dokumentarfilmer, genauso gestrig und verbohrt, wie er die aktuelle Nachrichtenlandschaft in den USA findet. „Die Medien sind gescheitert“, sagte der 25-Jährige im Dezember dem „Interview Magazine“. „Deshalb greifen die alle auf Meinungsmache zurück statt auf Journalismus.“ Meinung, das ist nicht sein Ding, obwohl er als Interviewgast aus seiner politischen Grundhaltung, die auf einen gesunden Menschenverstand links der Mitte hindeutet, eine Grundhaltung, die nichts mit Trump und QAnon und Waffennarren und Krypto-Bros anfangen kann, kein Geheimnis macht.

          Im Wohnmobil durch Amerika

          In der High School in Seattle schwänzte Callaghan den Unterricht, hing in der Mall ab und hörte zu, was ihm die Überlebenskünstler so zu erzählen hatten: über Meth-Abenteuer, Gefängnisaufenthalte, Meuchelmörder im Darknet. America the beautiful. Große Geschichten in kleinen Leben. All das schrieb er für die Schülerzeitung auf, was ihm später ein Stipendium an der Loyola University in New Orleans einbrachte, um Journalistik zu studieren. Abends arbeitete er, der 1,93 Meter große Lockenkopf, nebenbei als Türsteher auf der Bourbon Street, nachts als Beichtabnehmer mit Mikrofon. Es war seine eigentliche Schule.

          Daraus entstand 2019 die Idee, mit dieser Art von Interviews auf Tour zu gehen, den Wahnsinn vor Ort einfangen. Raus nach Amerika, an Orte, wo das Land noch weitläufiger und die Köpfe noch engstirniger sind. Ein junges Medienunternehmen besorgte ihm ein Wohnmobil, versprach ihm 45 000 Dollar Jahresgehalt, die Übernahme der Produktionskosten sowie einen Anteil der Abo-Einnahmen auf Patreon durch die Zuschauer. Calla­ghan zog sich einen etwas zu großen, etwas zu weiten beigebraunen Anzug an und fuhr los. „All Gas No Brakes“ nannten sie das Format auf Youtube.

          Burning Man, Area 51, Flat Earth,

          Das brachte Klicks. Innerhalb von 14 Monaten folgten ihm 1,7 Millionen Nutzer auf der Videoplattform. Halt machte Callaghan zuerst auf dem „Burning Man“-Festival in der Wüste von Nevada, dann an der Area 51, beim Autorennen in Alabama unter lustigen Rednecks, bei einer „Flat Earth“-Konferenz in Texas. Politisch waren die Beiträge nur bedingt. Vielmehr entblößte Callaghan noch einmal Amerikas absurdere Seiten. Ein paar Einblicke in Subkulturen für uns Normies.

          Oft gelang ihm das mit der einfachsten Technik, die es gibt, um Menschen Aberwitziges zu entlocken: Fragen stellen, deren Antwort man schon kennt. Vermeintlich, zumindest. Bei einer Buchvorstellung mit Donald Trump Jr. in Birmingham, Alabama, fragte er eine schwarze Frau, die schwärmerisch aus dessen Werk vorliest, ob sie mit ihm, dem Präsidentensohn, ausgehen würde, wenn er denn Single wäre. „Um ehrlich zu sein, wenn ich ehrlich sein soll“, sagt sie und holt Luft, um ihre nächsten Worte mit Bedacht zu wählen, „wir glauben nicht daran, sich zu mischen. Wir ziehen es vor, wenn sich die ethnischen Gruppen („races“ sagt sie im Original) nicht vermischen. Mir ist es lieber, wenn Schwarze mit Schwarzen ausgehen und Weiße mit Weißen.“

          Weitere Themen

          Warum es ein Erntedankfest gibt

          Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es ein Erntedankfest gibt

          Erntedank ist ein Fest mit großer Strahlkraft – und wirkt zugleich, wenn fast alle Lebensmittel aus dem Supermarkt kommen, wie aus der Zeit gefallen. Wer Kindern heute das Erntedankfest erklären möchte, muss bei beidem ansetzen: mit Ernte und mit Dankbarkeit.

          Lasker-Schüler bestürmt Cassirer

          Auktion in Berlin : Lasker-Schüler bestürmt Cassirer

          Unveröffentlichte Briefe, die Else Lasker-Schüler an ihren Verleger Paul Cassirer schrieb, kommen bei Bassenge in Berlin zur Auktion – und Seltenes von George Grosz.

          Topmeldungen

          Geldscheine als Altpapier: Das Foto stammt vom 15. November 1923.

          Inflation : Zeugnis einer Katastrophe

          Die Inflation von 1923 schuf Not und Elend und unterminierte das Vertrauen vieler Menschen in die Weimarer Republik. Auf FAZ.NET machen wir nun 100 Jahre alte Artikel aus der alten Frankfurter Zeitung zugänglich. Sie zeigen und analysieren, was damals geschah.
          Schule für das Leben: Ball der Waffenbrüderschaft im November 1987 in der MfS-Bezirksverwaltung Dresden

          Putin in der DDR : Eine gute Schule für das Leben

          Fünf Jahre arbeitete Waldimir Putin als KGB-Offizier in Dresden. Stasi-Unterlagen aus dieser Zeit verraten mehr über den russischen Präsidenten, als diesem lieb sein dürfte. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.