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Arte-Doku über Alkohol : Das Dressing für deinen Kopfsalat

  • -Aktualisiert am

Hoch die Krüge: Auf dem Münchner Oktoberfest werden jedes Jahr etwa 7,3 Millionen Maß Bier getrunken. Bild: © Eikon/Miramonte/rbb

Sorge dich nicht, trinke: In seiner Doku „Alkohol – der globale Rausch“ fragt Andreas Pichler, wieso die Drogenpolitik vor Bier, Wein und Hochprozentigem haltmacht.

          3 Min.

          Wer sich als Abstinenzler outet, gerät schnell unter Rechtfertigungsdruck. Schließlich erscheint nicht nur der Fußballabend ohne Alkohol als eher fade Angelegenheit, sondern auch das Get-together der Hautevolee. Dabei markiert kein Getränk Statusunterschiede besser als Wein. Ein Romanée-Conti aus dem Jahr 2005 wird online für rund zwanzigtausend Euro gehandelt, obwohl Insider versichern, dass selbst edelste Tropfen in der Produktion selten mehr als zehn Euro pro Flasche kosten. Dem symbolischen Wert des Weins stehen Bier und Fusel gegenüber. Mit dem einen wie dem anderen machen die Hersteller ein gigantisches Geschäft. Jedes Jahr setzt der weltweite Alkoholmarkt 1,2 Billionen Euro um – Tendenz steigend. Insofern ist der Untertitel von Andreas Pichlers Dokumentarfilm treffend gewählt: „Der globale Rausch“.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf der anderen Seite der Rechnung steht der menschliche Organismus. Bei regelmäßigen Trinkern sind neben Leber und Bauchspeicheldrüse oft auch Verdauungstrakt und Haut, Knochen und Herz angegriffen. Der Psychiater Michael Musalek sagt: „Alkohol ist eine Substanz, die quasi alle Körpersysteme schädigt.“ Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) kann er zweihundert Krankheiten auslösen oder verschlimmern, darunter Darm- und Brustkrebs. Neu sind diese Erkenntnisse nicht, daher wählt der britische Psychopharmakologe David Nutt drastische Worte, um die Eskalationsstufe der gegenwärtigen Situation zu verdeutlichen: „Europaweit ist Alkohol die gefährlichste Droge.“ Warum? Weil kein anderer Stoff die Gesellschaft so massiv in Mitleidenschaft ziehe: Neben Verkehrsunfällen, häuslicher Gewalt und Kindesmissbrauch verursache er astronomische Kosten für das Gesundheitssystem und das Polizeiwesen.

          Ursprung und Lösung sämtlicher Lebensprobleme

          Als Nutt anfing, die britische Regierung zu beraten, stellte er fest, dass es weder in den UN-Konventionen noch in den WHO-Vorschriften eine Definition dafür gab, was eine Droge ist. Der endgültige Offenbarungseid folgte, nachdem er vorgeschlagen hatte, die Drogenpolitik auf Alkohol zu konzentrieren: Er wurde gefeuert. Raphael Gaßmann von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen weiß, dass System dahintersteckt: Solange man nur illegale Rauschmittel als „Droge“ bezeichne, versichere man der „Alkoholgesellschaft“, sie genieße ein kulturell hochgeschätztes Produkt.

          Seit rund zehntausend Jahren trinken wir Alkohol. Er gelangt schnell ins Gehirn, setzt dort Endorphine frei, mindert Sorgen und Ängste, kann mal beruhigend, mal aufputschend wirken. Drogen zu nehmen sei etwas zutiefst Menschliches, sagt Nutt. Pichlers Dokumentation zeichnet aus, dass sie derart heikle Einsichten ausstellt, anstatt sie totzuschweigen. So auch, wenn der Journalist Lorenz Gallmetzer bekennt: „Solange ich nicht alkoholkrank war, war mein Leben mit Alkohol viel, viel schöner als jetzt ohne Alkohol – überhaupt keine Frage.“ Da haben wir gleich Homer Simpson im Ohr, der mit seinen verbalen Schnellschüssen häufig nicht verkehrt liegt: „Auf den Alkohol! Den Ursprung und die Lösung sämtlicher Lebensprobleme!“

          Kein Kommentar!

          Die Zahl der Gewohnheitstrinker nimmt zu, hundertvierzig Millionen sind es weltweit, drei Millionen sterben jedes Jahr an den Folgen der Sucht. In Deutschland konsumiert im Schnitt jeder Bürger zehn Liter reinen Alkohol im Jahr. Das entspricht zweihundert Litern Bier, fünfundachtzig Litern Wein oder fünfundzwanzig Litern Whisky. Gesundheitsverträglich lässt sich das nicht verstoffwechseln. Anders liegt der Fall in Skandinavien. Preiserhöhungen, eingeschränkte Verfügbarkeit und Werbeauflagen haben Wirkung gezeigt. Die Industrie protestiert natürlich, weil sie genau weiß, was ihr entgeht.

          Der vielversprechendste Markt ist zurzeit Afrika. Die Mittelschicht wächst, das Bedürfnis nach Bier und Spirituosen ebenso. Isidore Obot, Psychologe und Epidemiologe, sagt: „Afrika ist für die Alkoholindustrie interessant, weil niemand sie hier kontrolliert.“ Weil etwa in Nigeria nicht einmal Altersbeschränkungen existieren, ist es keine Überraschung, dass der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol seit den sechziger Jahren auf das Doppelte gestiegen ist. Unter solchen Bedingungen kommen die Chefs mancher Firmen auf, vorsichtig formuliert, seltsame Ideen. Wegen des verbreiteten Mythos, Starkbier steigere die sexuelle Leistung, engagierte der Heineken-Konzern zwei- bis dreitausend Prostituierte. Sie sollten die männliche Kundschaft bestimmter Bars animieren, das Getränk „Legend Extra Stout“ zu kaufen. Kommentieren will das Unternehmen die Strategie aber nicht.

          Und in Deutschland? Obwohl bei uns 1,8 Millionen alkoholabhängige Menschen leben, wurde das Ziel einer allgemeinen Reduktion der Droge nie erschöpfend diskutiert. Der Deutsche Brauer-Bund hat immer wieder erklärt, er sei für vorbeugende Maßnahmen zu haben – solange der Umsatz stabil bleibe. Raphael Gaßmann: „Alkoholprävention der Industrie ist dazu da, nicht zu funktionieren, aber gut auszusehen.“ Der Staat duckt sich weg, und jeder Krankenversicherte zahlt für die Alkoholprobleme seiner Mitbürger. Wer diesen Film gesehen hat, wird Abstinenzler nicht mehr unter Rechtfertigungsdruck setzen.

          „Alkohol – Der globale Rausch“ läuft heute, Dienstag, 12. Mai, um 20.15 Uhr bei Arte.

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