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Andreas Kümmerts Rücktritt : Er hat es so gewollt

  • -Aktualisiert am

Ein großer kleiner Sänger: Andreas Kümmert beim Vorentscheid „Unser Song für Österreich“ Bild: dpa

Wie kommt Andreas Kümmert nur dazu, im Moment seines Erfolgs die Teilnahme am Eurovision Song Contest abzusagen? Den Schlüssel liefert ein Satz des Sängers, der unter den Buhrufen untergegangen ist.

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          In der Pressekonferenz, eine Stunde nach dem Eklat, nimmt sich der deutsche Grand-Prix-Chef Thomas Schreiber viel Zeit, zu erklären, dass man Andreas Kümmert nicht dazu gezwungen habe, beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest anzutreten. Er erklärt, wie sich die Vertreter der Musikindustrie und seine Kollegen bei der Auswahl der Kandidaten die Bänder angehört hätten, die von seinen Songs eingereicht worden waren, „sehr rough“ sei das noch gewesen, aber auch sehr vielversprechend. Und er sagt, es sei Kümmerts Wunsch gewesen, hier anzutreten, bei diesem Wettbewerb.

          Das scheint eine notwendige Beteuerung, nicht nur, weil Kümmert gerade auf der Bühne erklärt hat, dass er nicht als Vertreter Deutschlands zum Finale nach Wien reisen will, obwohl er vom Publikum die meisten Stimmen bekommen hat. Eigentlich war es schon ganz außerordentlich unwahrscheinlich, dass ausgerechnet dieser Sänger an diesem Wettbewerb teilnehmen wollte; jemand, der es schafft, mit seiner Joe-Cocker-haften Stimme jeden Song zu einem berührenden Erlebnis zu machen, sich aber kompromisslos weigert, sich den Erwartungen anzupassen. Er wird einerseits gefeiert für die Authentizität, die er sich bewahrt hat. Andererseits benutzt die Nachrichtenagentur dpa als Synonym für seinen Namen auch Formulierungen wie „der pummelige Brillenträger aus Bayern“.

          Ein unwahrscheinlicher Ort für diese Art Musik

          Kümmert hatte schon - auch öffentlich - sehr mit seiner Teilnahme an der Castingshow „The Voice“ gehadert. Seinem dortigen Sieg Ende 2013 verdankt er seinen Durchbruch -  aber er sprach hinterher von der „medialen Gewalt“, die daraufhin über ihn hineingebrochen sei. In Interviews sagte er, die Monate in der Show seien nicht die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen; er beklagte sich über Versuche, ihn zu einem „fernsehkompatibleren“ Kleidungsstil zu überreden; er litt daran, dass er die Kontrolle über alles verlor. Dabei habe er nur seine Musik bekannter machen wollen.

          Genau das hatte er nun auch als Grund genannt, warum er am Vorentscheid teilnehme. „Weil ich mich natürlich freue, Leuten meine Musik darzubieten, so wie ich das in den letzten Jahren gemacht habe“, sagte er im Vorstellungsvideo in der Sendung. „Und ich habe natürlich auch die Möglichkeit, international Songs, die ich geschrieben habe, zu zeigen.“ Dabei ist der Grand-Prix-Zirkus mit all der medialen Aufgeregtheit, die er immer noch produziert, sicher ein mindestens so unwahrscheinlicher Ort für jemanden, der für eine irgendwie altmodische, zerbrechliche, „echte“ Vorstellung von Musik kämpft, wie es die Casting-Show war. 3,2 Millionen Zuschauer haben die Sendung verfolgt, der Marktanteil betrug 10,3 Prozent.

          Fiebrig sieht er immer aus

          Und dann hat ihn auch das, was er als „mediale Gewalt“ beschrieben hat, in der vergangenen Woche noch einmal mit besonderer Wucht erwischt. Die „Bild“-Zeitung berichtete, dass der 29-Jährige bei einem Auftritt in einer Kneipe in Eppingen bei Heilbronn mehrere junge Frauen im Publikum beleidigt haben soll. Andere Besucher und Kümmert selbst relativierten die Darstellung - die Frauen sollen Kümmerts Auftritt gestört und den Sänger ihrerseits heftig beschimpft haben.

          Man kann die ausfälligen Reaktionen Kümmerts trotzdem beunruhigend finden. Aber man kann sich auch ausmalen, was die Berichterstattung darüber und die heftigen Reaktionen wiederum darauf mit jemandem mit seiner Sensibilität machen.

          In der Probenwoche war er angeblich krank, fehlte auch bei den Interviews mit der Presse. Moderatorin Barbara Schöneberger sagte in der Show, er habe 40 Grad Fieber. So sah er auch aus, aber - so sieht er eigentlich immer ein bisschen aus.

          Er kann nicht bleiben, was er sein will

          Siegfried Schuller von seiner Plattenfirma Universal machte hinterher einen Erklärungsversuch. „Er kann alles, was auf der Bühne passiert“, sagte er über Kümmert. „Aber dieses Interesse über sich ergehen zu lassen und die ganze Öffentlichkeit in der Form, das ist für ihn zum jetzigen Zeitpunkt in seinem jetzigen Zustand auf jeden Fall ein großes Problem.“ Das habe er in der Sendung „massiv gemerkt“.

          Auf der Bühne, in seiner kleinlauten Erklärung, warum er den Sieg nicht annehmen will und lieber die Zweitplatzierte Ann Sophie nach Wien fahren lassen will, sagte Kümmert den Satz: „Ich bin nur ein kleiner Sänger.“* Das wurde schnell von Buhrufen aus dem Publikum und der allgemeinen Ratlosigkeit überlagert, aber vielleicht ist dieser Satz wirklich ein Schlüssel zur Erklärung der ganzen Widersprüchlichkeit des Phänomens Andreas Kümmert. Dass da jemand ist, dem gewaltige Sympathien des Publikums zufliegen, weil er spürbar nur ein großer kleiner Sänger ist und das sein will - aber die großen Bühnen, auf denen er deshalb steht, weil das so attraktiv ist, und das öffentliche Interesse, von dem er scheinbar profitiert, es ihm unmöglich machen, genau das zu bleiben.

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