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Andrea Sawatzki im „Tatort“ : In schlechter Gesellschaft

Andrea Sawatzki ermittelt mit gewohnt sicherer Intuition Bild: dpa

Andrea Sawatzki ist im HR-„Tatort“ diesmal ganz auf sich allein gestellt. In „Waffenschwestern“ steht sie einem ausgesprochen blutigen Geschehen gegenüber. Doch wieder einmal folgt sie schlafwandlerisch sicher ihrer Intuition als läge darin ein höherer Plan

          Dass Kriminalkommissare im Fernsehen und wohl auch im wahren Leben notorisch überarbeitet sind, wussten wir bereits. Einsatzbereitschaft zu jeder Tages- und Nachtzeit und eine zerrüttete Ehe gehören zum Profil fast aller Fernsehermittler. Und es wird immer schlimmer. Weniger bekannt war bisher, dass auch ihre Darsteller sehr zeitklamm sind und eine Erhöhung von zwei auf drei Fälle im Jahr ihre Lebensplanung durcheinander bringt. Im HR, der beim „Tatort“-Proporz aufgestiegenen ist, zeitigt das jetzt Auswirkungen: Um sich gegenseitig zu entlasten, treten Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki einmal im Jahr solo auf.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Am Sonntag fehlt zunächst Jörg Schüttauf wegen eines Beamtenaustauschs in München. Wobei selbst seine größten Bewunderer zugeben werden, dass er als Kommissar Fritz Dellwo, trotz herausragender HR-Krimis wie „Oskar“ oder „Das Böse“, nicht eben die atemberaubendsten Auftritte seiner Karriere hinlegt. Was aber hauptsächlich an dieser seltsam zurückgenommenen Rolle liegt, die Schüttauf zwingt, auf jene eruptiven, unberechenbaren Charaktermomente zu verzichten, die ihn berühmt gemacht haben. Da bot sich endlich jemand als rechtmäßiger Schimanski-Nachfolger an, und muss stattdessen recht kleinlaut Kärrnerarbeit in den Mühlen des Frankfurter Polizeiapparats leisten.

          Das verhuschte Wesen schießt nicht

          Andrea Sawatzki als Charlotte Sänger hat es besser getroffen. Die Rolle ist etwas Spezielles selbst im ausdifferenzierten deutschen Kriminalfernsehen, und Sawatzki füllt sie fast schlafwandlerisch sicher als verhuschtes Wesen aus einer besseren Welt mit starken intuitiven Fähigkeiten.

          Dabei bedürfte sie im aktuellen Fall vor allem eine dicke Haut. Es gilt, einen ungewöhnlich brutalen Banküberfall aufzuklären, außerdem den Amoklauf einer jungen Frau, die unter Drogen auf der Straße herumballerte und einen alten Mann bedrohte. Charlotte Sänger wird Zeuge des Vorgangs, schaltet sich mit angelegter Waffe ein, schießt aber nicht. Den vermeintlichen Rettungsschuss eines herbeigeeilten Polizisten (beeindruckend, wenn auch am Rande des Klischees: Uwe Bohm) kann sie nicht verhindern.

          Wie soll sie den Fall lösen?

          Charlotte Sänger, deren Ungeschütztheit mit Dellwos Abwesenheit vollends hervortritt, gerät darob derart aus dem Gleichgewicht, dass der Zuschauer fast schon gezwungen wird, sich gemeinsam mit den überforderten Vorgesetzten an ihrer fehlenden Abgebrühtheit zu stören. Wie soll ausgerechnet sie bei der Aufklärung der Überfallserie klaren Kopf behalten, wo sie selbst in haarsträubendsten Situationen auf ihrem Gefühl beharrt? Befindet sie sich mit ihrer kerzengeraden Körperhaltung und den aufreizend vollendeten Umgangsformen in dieser rüden Umgebung noch am rechten Platz? Und warum lebt sie in der Wohnung ihrer Eltern, die von einem Psychopathen ermordet wurden? Charlotte Sänger zweifelt an sich, und alle anderen an ihr.

          Doch das Drehbuch von Michael Proehl eröffnet einen Ausweg aus ihren persönlichen und beruflichen Ladehemmungen. Die beurlaubte Kommissarin gerät an eine Gruppe von waffenvernarrten Frauen, die so ziemlich das Gegenteil von dem verkörpern, was sie selbst ausmacht und die doch wie Jule Fischer (irritierend: Nina Kronjäger) viele Gemeinsamkeiten mit ihr haben.

          Ein Besäufnis unter Frauen

          Andrea Sawatzki verschafft diese schlechte Gesellschaft neue Spielmöglichkeiten. Da ist zum Beispiel die Szene, in der sie nach einem Besäufnis mit den „Waffenschwestern“ auf einer – jüngere Menschen würden wohl sagen: Gammelfleischparty – im Bett eines langhaarigen Junglehrers erwacht. Das Erwachen geht langsam vonstatten und der Zuschauer hat Zeit, sich auf ihre Reaktion vorzubereiten: Zeigt sie Scham oder Züge einer Belle de Jour, einer unnahbaren Schönheit, die ihre Abgründe lieb gewinnt? Andrea Sawatzki meidet beide Extreme und hält den Charakter damit frisch. Trotz Eskapaden: Sänger bleibt sich selbst treu.

          Auch in ihren Ermittlungen auf eigene Karte bleibt sie berechenbar bis hin zur Manipulierbarkeit. Zwar durchschaut sie die Camouflagen ihrer Widersacher, folgt damit jedoch einem höheren Plan, und belehrt doch am Ende – als wär‘s ein Stück von Kleist – alle eines Besseren, die je an ihr gezweifelt haben. So auch den Zuschauer, der einen nicht ganz ausgereiften Krimi mit vielen sonderbar unterspielten Wendungen, dafür aber eine sehr erstaunliche Charakterstudie miterlebt.

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