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Radioerzähler Garrison Keillor : Amerikas heimlicher Radiostar

Der neueste Klatsch aus Lake Wobegon: Garrison Keillor tritt gleich auf. Bild: interTOPICS/mptv

Mit seiner Show „A Prairie Home Companion“ hat Garrison Keillor Geschichte gemacht. Er erzählt darin vom wahren Amerika, das bei uns kaum einer kennt. Nun hört er auf.

          Irgendwann in seiner Show rückt Garrison Keillor ganz nah ans Mikrofon und sagt den Satz, mit dem jede Episode einer Erzählung beginnt, in der sich das ländliche Amerika wiederfindet: „Well, it’s been a quiet week in Lake Wobegon, my home town.“ Es war eine ruhige Woche in Lake Wobegon, seinem Heimatdorf in Minnesota, in dem die Frauen stark, die Männer gutaussehend und die Kinder überdurchschnittlich begabt sind.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und doch ist in dem Ort, den es gar nicht gibt, der aber überall im Mittleren Westen sein könnte, wieder genug passiert, dass Garrison Keillor seinen Hörern davon berichten kann. Nicht zu vergessen die Geschichten von Guy Noir, dem Privatdetektiv, der keiner Schießerei aus dem Weg geht, oder von Dusty und Lefty, den glücklosen Cowboys. Seit 1974 macht Garrison Keillor das, mit sanftem Bariton und mildem Witz in seiner Radioshow „A Prairie Home Companion“. Dreieinhalb bis fünf Millionen Menschen hören ihm zu, wenn er samstags aus dem Fitzgerald Theater in Saint Paul sendet, oder aus einem anderen Haus, in dem er mit seiner Bühnenshow zum Hören gastiert. Er erzählt, singt - gern im Duett und im Chor mit dem Publikum - und lädt Musiker ein, die sich nicht zweimal bitten lassen, wenn er anruft. Die Karten zu seiner Show sind auf Monate ausverkauft. Über siebenhundert Abspielstationen des National Public Radio erreicht Keillor seine Hörer mit Geschichten von einem Amerika, das bei uns kaum einer kennt.

          Das Land, das nicht zur Supermacht passt

          Es ist das Land, das zwischen Hollywood und Washington liegt und internationale Schlagzeilen eher selten produziert, über das die Großstädter aus L.A. und New York nur hinwegfliegen und das in das festgefügte Supermachtzerrbild mancher Europäer nicht passt. Hier hat der amerikanische Traum eine Gestalt, die keinen Glamour und kein Getöse kennt. Hier arbeiten die Leute hart, gehen am Wochenende in die Kirche, kennen aber selbstverständlich alle die Sünden, die sie beichten könnten, nur zu gut. Sie sind Patrioten, in keiner Weise fanatisch, halten auf Gemeinschaft, aber doch so viel Abstand, dass jeder nach seiner eigenen Façon selig werden kann.

          Er tritt die Nachfolge an und sagt, die Vorlage sei „unsterblich“: der Musiker Chris Thile.

          Garrison Keillor ist das wandelnde Gedächtnis dieser Kultur europäischer Einwanderer. Er ist ein Verwandter im Geist von Mark Twain oder John Steinbeck. Er ist Schriftsteller, Erzähler, Chansonnier, Komödiant, ein charmanter, kluger, höflicher und witziger Gastgeber. Wenn es so etwas gibt wie understatement the American way, dann verkörpert es dieser Radiomann, dessen Familie aus Schottland stammt. Doch jetzt - macht Garrison Keillor Schluss. Das wollte er schon einmal, 1987, kehrte aber zu seinem dankbaren Publikum zurück. Nun ist es definitiv. Am 1. Juli präsentiert der mittlerweile Dreiundsiebzigjährige „A Prairie Home Companion“ zum letzten Mal. Im Oktober beginnt die Sendung mit dem von ihm bestimmten Nachfolger, dem Musiker Chris Thile, neu. Im vielfach unterschätzten Medium Radio, das in den Vereinigten Staaten genauso wie bei uns als Begleiter des Alltags eine viel größere Rolle spielt, als man denken könnte, eine Ära.

          Die Geschichten aus Lake Wobegon gibt es längst in Buchform, und auch seinem Medium hat Garrison Keillor vor Jahren in seinem Roman „Radio Romance“ ein Denkmal gesetzt und eine Gründungsgeschichte nach amerikanischem Muster geschrieben, in der die Menschen nach dem Glück suchen und aus dem Nichts etwas erschaffen, das Generationen überdauert. Davon handeln Keillors Storys immer, mögen sie noch so klein sein oder in einem Witz wie dem bestehen, den er gerade bei seinem Gastspiel in Spokane, Washington, machte. Das Treffen kurz zuvor zwischen Paul Ryan, dem republikanischen Sprecher des Repräsentantenhauses, und dem Präsidentschaftsbewerber Donald Trump stelle er sich so vor, als stoße er auf den Mann, den seine Tochter in einer Scientology-Kirche heiraten wolle: Ehe man sich versieht, befindet man sich auf einer Feier mit lauter fröhlichen Verrückten und bekomme Antennen aus Blech auf den Kopf gesetzt, um mit dem Universum zu kommunizieren - alles vollkommen durchgedreht, aber Hauptsache, man habe ein gutes Gefühl.

          Er denke, dass seine Radioshow einen Neustart brauche, sagte Garrison Keillor kürzlich, als er gefragt wurde, wie es mit „A Prairie Home Companion“ ohne ihn als Gastgeber weitergehe. Die Sendung solle ganz von vorn anfangen, „als Musikshow mit komödiantischen Beigaben“. Vorhang auf also für seinen Nachfolger Chris Thile, der ein Meister auf der Mandoline ist und ehrfürchtig davon spricht, dass Keillor eine Vorlage geschaffen habe, die „unsterblich“ sei. Das dürfte dem alten Herrn des Radios gefallen, dem Nostalgie nicht fremd ist, übertriebene Wehmut aber schon, Wehleidigkeit erst recht. Er bleibe als Produzent und „zurückhaltende, wohlwollende graue Eminenz im Hintergrund“, sagte Keillor.

          Die Art und Weise, in der er stets beiläufig von den letzten Dingen handelt, vom ständigen Kommen und Gehen, wird ihm niemand nachmachen. Und wohl auch keiner so gerne gemeinsam mit seinem Publikum Kirchen- und Volkslieder, Blues und Gospel singen. Benannt ist seine Sendung übrigens nach einem Friedhof, dem „Prairie Home“ bei Moorhead, Minnesota. Aber dafür ist es wirklich noch viel zu früh.

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