https://www.faz.net/-gqz-xsj4

Amerikanischer Traum : Das Stimmwunder von der Autobahnausfahrt

  • -Aktualisiert am

Ted Williams Bild: Youtube

Ein Obdachloser bietet sich auf einem Video als Radiomoderator an und landet einen unglaublichen Erfolg. Elf Millionen Klicks auf Youtube machen ihn in kurzer Zeit weltweit bekannt und erfüllen seinen fast schon verloren geglaubten Lebenstraum.

          2 Min.

          Bislang gab es nur eine goldene Stimme: die von Karel Gott. Seit dem 3. Januar dieses Jahres hat der tschechische Schlagersänger aber Konkurrenz bekommen. Ted Williams heißt der Mann, der dem Videoreporter Doral Chenoweth an einer Autobahnausfahrt in Columbus, Ohio auffiel. Mit zerzausten Haaren, in abgewetzter Army-Jacke und weißem Kapuzenpulli gekleidet, trägt er wie so viele Obdachlose ein handgeschriebenes Pappschild vor sich her.

          Er bittet jedoch nicht um Geld, sondern um einen Job - als Sprecher. Die Begründung liefert der Amerikaner gleich mit: Er sei ein begnadetes Stimmtalent, habe harte Zeiten durchlebt und sei dankbar für jede Art von Hilfe. Doch er belässt es nicht bei einer schriftlichen Bewerbung, sondern lädt sich gleich selbst an Ort und Stelle - auf einem Stück Gras zwischen Hudson Street und der Interstate 71 - zu einem Vorstellungsgespräch ein.

          Im Stile großer amerikanischer Moderatoren aus der goldenen Ära des Radios gibt er dem Journalisten des „Columbus Dispatch“ eine Kostprobe seines Könnens. Durch das offene Autofenster sagt er eine Oldie-Sendung des Senders „Magic 98.9“ an und hat sichtlich Spaß dabei. Ein samtweicher Bariton, kristallklares Timbre und wie geschaffen für den Rundfunk. Merklich beeindruckt von der voluminösen Stimme, die so gar nicht zu dem schlaksigen Mittfünfziger passen will, steigt der Zeitungsreporter aus dem Wagen und führt ein kurzes Interview mit Williams, der seinen Werdegang in kurzen Worten zusammenfasst.

          In Brooklyn aufgewachsen, lernte er mit vierzehn Jahren einen Radiosprecher kennen, dessen Erscheinung in starkem Kontrast zu seiner Stimme stand. Radio sei „Kino im Kopf“, verriet ihm der Mann vom Hörfunk, und von da an wusste Williams, was er werden wollte, nahm Sprechunterricht und trainierte seine Stimme. Vor fünfzehn Jahren geriet der Vater von neun Kindern auf die schiefe Bahn. Alkohol, Kokain und Marihuana machten ihm einen Strich durch seinen Lebensplan. Stolz sagt er jetzt, dass er seit zweieinhalb Jahren „clean“ sei und sein Leben wieder in den Griff zu bekommen versuche.

          Im Video nutzt er die Gelegenheit und wendet sich direkt an die Zuschauer: Falls Fernseh- oder Radiosender eine Stimme für den Offkommentar suchten, sei er der richtige Mann. Auf Youtube ist das knapp hundert Sekunden lange Video ein unglaublicher Erfolg: Elf Millionen Klicks innerhalb von drei Tagen machten das obdachlose Stimmwunder weltweit bekannt. Erste Angebote von Sport- und Musiksendern sind bei Williams schon eingetroffen, sogar ein Zwei-Jahres-Vertrag als Ansager des NBA-Basketballteams der Cleveland Cavaliers und ein Haus sind im Gespräch.

          Ein Wiedersehen mit seiner Mutter

          Am Mittwoch, zwei Tage nach dem ersten Erscheinen des Videos im Netz, debütierte Williams in der lokalen Radiosendung „Dave and Jimmy“ auf dem Sender WNCI 97.9, und da war auch der erste Auftritt im Fernsehen nicht weit. Den Flug nach New York hatte Ted Williams schon gebucht, um in der „Today Show“ des Senders MSNBC zu erscheinen und - seine 92 Jahre alte Mutter wiederzusehen. Doch ließ man ihn zunächst nicht in den Flieger steigen - er hatte keine Papiere. In der „Early Show“ von CBS war er zu sehen - zugeschaltet aus dem Studio des Internetradiosenders in Columbus, Ohio, der sich der Geschichte von Ted Williams sofort angenommen hatte und dann schließlich, der Flug hatte geklappt, auch bei MSNBC. Er habe jetzt seine „Stunde mit Gott“ gehabt, sagte Williams, seine Mutter zu sehen, einen Job und ein Dach über dem Kopf zu bekommen sei sein Wunsch. Der CBS-Moderator hatte derweil vor allem eines im Sinn: „Ich wollte einfach Ihre Stimme hören.“

          Für Ted Williams, der in den siebziger Jahren bei einem örtlichen Soulmusik-Sender moderiert hatte, könnte nun ein Traum in Erfüllung gehen, den er schon abgeschrieben hatte. Alles, was er sich wünsche, sei die Rückkehr zu einem normalen, verantwortungsvollen Leben. Ob der Trubel um seine Person ihm dazu verhilft? Einen Agenten soll er inzwischen haben. Doch was die Menschen verzaubert, ist seine Stimme. „Video killed the Radio Star“ sang die britische Popgruppe „The Buggles“ bei ihrem Debüt im Jahr 1979. Von wegen. Heute stimmt das Gegenteil: In Zeiten von Youtube und der viralen Verbreitung von Videos erhält der Mythos des „American Dream“ eine neue Dimension. Das Internet gebiert - vielleicht - einen neuen Radio-Star.

          Weitere Themen

          Das Auge des Gesetzlosen

          „Les Misérables“ im Kino : Das Auge des Gesetzlosen

          Im äußersten Fall ist auch scharfe Munition erlaubt: Der Kinofilm „Die Wütenden – Les Misérables“ zeigt eindrucksvoll die Spannungen zwischen aufbegehrenden Jugendlichen und den Ordnungshütern in einem Pariser Vorort.

          Aktien als Allheilmittel

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Aktien als Allheilmittel

          Die Deutschen sind ein Volk der Sparer. Doch in Zeiten von Negativzinsen muss man umdenken. Bei „Hart aber fair“ raten alle Gäste zu einer Lösung – bis auf Sahra Wagenknecht: Sie setzt auf ein Konzept, das viele als überholt ansehen.

          Topmeldungen

          Gefahr durch Coronavirus : Keine Panik

          Es beruhigt, dass Deutschland auf Szenarien wie den Ausbruch des Coronavirus vorbereitet ist. Wenn aber nun nach jeder Hustenattacke die Notaufnahme angesteuert wird, stößt jeder noch so gut aufgestellte Krisenstab an seine Grenzen.
          Die Moderatorin Susan Link vertritt den erkrankten Moderator Frank Plasberg in der WDR-Talkshow „Hart aber fair“. Hinter ihr die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, der CSU-Generalsekretär Markus Blume und die ARD-Börsenexpertin Anja Kohl (von links)

          TV-Kritik: „Hart aber fair“ : Aktien als Allheilmittel

          Die Deutschen sind ein Volk der Sparer. Doch in Zeiten von Negativzinsen muss man umdenken. Bei „Hart aber fair“ raten alle Gäste zu einer Lösung – bis auf Sahra Wagenknecht: Sie setzt auf ein Konzept, das viele als überholt ansehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.