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Amerikanische Talkshows : Ein Medienrabauke als netter Plauderer

  • -Aktualisiert am

Gezähmter Rüpel: Piers Morgan übernimmt den verwaisten Sendeplatz des legendären Larry King Bild: dpa

Der Brite Piers Morgan, bekannt als hartes Kaliber, tritt in die Fußspuren des verabschiedeten Larry King. Bei seinem Talk-Debüt umgarnt er seine Gesprächspartnerin Oprah Winfrey mit feinsinnigen Fragen und etwas zu viel Ehrfurcht.

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          „Überraschend“, beschied Oprah Winfrey dem Talk-Debüt von Piers Morgan bei CNN, wo er gestern in die Fußspur des verabschiedeten Larry King trat. Winfrey, die ihr Medienimperium zu Jahresbeginn mit einem eigenen Fernsehsender namens OWN vervollständigt hat, war der erste Gast des Briten, der in Amerika bisher als scharfzüngiger Richter in der Talentshow „America´s Got Talent“ bekannt war, und ihr Urteil traf: Eine so freundliche, feinsinnige und interessierte Gesprächsstunde, wie er sie mit der „Königin Amerikas“ (Morgan) absolvierte, hätte von dem berüchtigten Medienrabauken kaum jemand erwartet.

          Dass es ihm an scharfem Verstand mangelt, hat Piers Morgan sicher noch niemand vorgeworfen. Aber der Fünfundvierzigjährige hat in den vergangenen fünfzehn Jahren als Boulevardjournalist aus der Raptorenfamilie auf sich aufmerksam gemacht. Als er, achtundzwanzigjährig, 1994 die Chefredaktion von Ruper Murdochs Revolverblatt „News of the World“ übernahm, rechtfertigte er die ausdrückliche Missachtung der Privatsphäre von Prominenten mit der Bemerkung, die Reichen und Berühmten könnten die Presse nicht bloß für ihre eigenen Zwecke nutzen. Nur zwei Jahre später wurde er in die Chefredaktion des „Daily Mirror“ abgeworben, wo er vor dem Fußballspiel Deutschland-England im Rahmen der WM 1996 mit der Schlagzeile „Achtung! Surrender“ für Empörung sorgte. Morgan musste sich dafür entschuldigen.

          Und 2000 war er prominentester Verdächtiger in einem Aktienskandal, in dem mehrere Mitarbeiter des „Daily Mirror“ Anteile einer Computerfirma erworben haben sollen, bevor der „Mirror“ das Papier als wertvoll einstufte. Morgan wurde später von Schuld freigesprochen. Doch 2004 machte er erneut Schlagzeilen, als der „Mirror“ unter Morgans Maßgabe Fotos von Misshandlungen irakischer Gefangener durch britische Soldaten abdruckte - die Bilder waren gefälscht, wie sich herausstellte.

          Plausch mit Respektsabstand: Piers Morgan und Oprah Winfrey
          Plausch mit Respektsabstand: Piers Morgan und Oprah Winfrey : Bild: REUTERS

          Hart an der Grenze des guten Geschmacks

          „Sorry, man hat uns hochgenommen“, titelte der „Mirror“ daraufhin, und Morgan musste seinen Hut nehmen. Stattdessen etablierte er sich im Fernsehen, moderierte in England Promishows und Dokus über die Reichen und Schönen und spielte Talent-Gutachter bei NBC. Jetzt überrascht er als freundlicher, von einem Hauch Ironie umwehter Fragesteller und Zuhörer bei CNN , wo er seine Sendung selbst mit aggressiven Worten bewarb. „Ich will wissen, wer diese Leute wirklich sind“, sagt er da. Und: „Hey, ich bin der Mann, der Simon Cowell zu heulen gebracht hat!“ Das immerhin war bereits hart an der Grenze des guten Geschmacks. Cowell, Morgans für seine harten Urteile bei „American Idol“ berüchtigter Landsmann, waren in einem TV-Gespräch mit Morgan bei der Erinnerung an den Tod seines Vaters die Tränen gekommen. Prompt war Oprahs Leitgedanke im Gespräch mit Piers Morgan, keine Tränchen kullern zu lassen, auch wenn sie mehrfach gekonnt hätte, wie sie sagte.

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