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Amerikanische Serie „New Girl“ : Ganz schön peinlich

  • -Aktualisiert am

Jess (Zooey Deschanel, rechts) macht sich ausgehfertig. Freundin Cece (Hannah Simone) bleibt in Zivil. Bild: Pro 7

Mittlerweile ist der Typus des weiblichen Chaoten in der Comedywelt etabliert. Das zeigt auch die neue Serie „New Girl“. Es geht um die Kunst, sich selbst zu verulken.

          Wann hat die große Comedy-Offensive weiblicher Darsteller eigentlich begonnen? War es im Jahr 2008, als Christopher Hitchens sich zur These verstieg, Frauen könnten nicht lustig sein, weil sie den Humor nicht brauchten, um Männer rumzukriegen? „Sie sprechen uns auch so an“, erklärte der Kulturkritiker im „Vanity Fair“-Magazin. Der Kommentar löste einen Sturm der Entrüstung aus, wobei sich die maßgeblichen Komikerinnen auffällig zurückhielten. Sie zogen es vor, exzellente Gags zu machen: Sarah Silverman drehte in ihrer Bühnenshow politische Korrektheiten durch die Mangel; Tina Fey wurde mit der Serie „30 Rock“ zum Komikstar der New Yorker Intelligenz; Amy Poehler zog in der Rolle der schrulligen Bürokratin aus „Parks and Recreation“ nach. Amerika, du hast gut lachen und brauchst dafür kein Y-Chromosom.

          Mittlerweile ist der Typus des weiblichen Chaoten, im Jargon „Fem-Nerd“ genannt, etabliert. Frauen dürfen sexy und schräg, schön und schrullig sein. Zooey Deschanel passt perfekt in dieses Rollenprofil. In „New Girl“ ist sie der Tollpatsch, der nach verpatzter Beziehung in eine Jungs-WG einrückt und dort alle zum Wahnsinn treibt. „Also, ich bin echt emotional zurzeit“, sagt sie beim Vorstellungsgespräch. „Ich werde auf dem Sofa liegend drei-, viermal ‚Dirty Dancing‘ schauen - am Tag.“ Am Ende der Pilotfolge hat man den Titelsong des Films tatsächlich ein halbes Dutzend Mal gehört, das Notorische gehört zum Stilprinzip.

          Den anderen zuvorkommen

          Jess ist die schöne Querulantin, die sich selbst vorsingt, auf Partys falsche Zähne trägt und sich von zu enger Unterwäsche per Küchenmesser befreit. Individualismus, diese amerikanische Grundtugend, lässt sich in der Komödie als Pathologie vorführen und zugleich feiern. Im Fall von Jess heißt das: mit den Mitbewohnern auf eine Hochzeit gehen und sich als Freundin des einen ausgeben, damit der seine Ex eifersüchtig machen kann. Der Plan geht schief; Nick (Jake Johnson) ist am Ende umso heftiger in die Verflossene verknallt. Jess muss deshalb ordentlich peinlich werden und ihre Jungs-Crew mit verrückten Tanzeinlagen auf Linie bringen. Im Mut zur Selbstverulkung liegt moralische Erbauung: Wenn du dich selbst degradierst, kann es kein anderer machen.

          Die Abnabelung von früheren Partnern ist in den ersten Folgen zentral. Erotische Energien finden, sublimiert zwischen Krach und Kuscheln, in der Kommune ein neues Zuhause. Letztlich fungiert für Jess und ihre Mitstreiter - neben Nick der vermeintliche Frauenheld Schmidt (Max Greenfield) und der Sportler Winston (Lamorne Morris) - das Zusammenleben als Nachbau der Familie mit skurrilen Mitteln. Man kennt diese Idee aus Sitcoms wie „Friends“ oder „How I Met your Mother“.

          Jess: Aus Männersicht eine utopische Figur

          Zum sozialen Klima in urbanen Mittelschichten passt das insofern, als heute Erwachsenwerden parallel zur Verschärfung der Verhältnisse verläuft: Der Arbeitsmarkt ist frostig, der Immobilienmarkt, gerade in New York, ebenso. Die WG ist als Trostgemeinschaft im Verteilungskampf die Alternative zum Kellerdomizil bei den Eltern. Auch wenn „New Girl“ es nicht explizit zum Thema macht: Das Unbehagen an den ökonomischen Zwängen der neoliberalen Kultur durchweht die Reihe. Morris ist als Sportler gescheitert, Nick ist arbeitslos, Schmidt gibt sich als Yuppie aus. Die mit präziser Wohlstandswitterung ausgestatteten Models aber kriegen andere.

          Jess, der Fem-Nerd, staunt blauäugig unterm Kinderpony hervor und sagt Sachen wie: „Sorry, muss los. Heute ist Astronomietag, ich gehe als Galileo und muss mir noch den Bart ankleben.“ Sie ist, jedenfalls aus männlicher Perspektive, eine utopische Figur. Der Widerstand gegen das zweckbestimmte Leben, wie er Generationen unfreiwillig großer Jungs auszeichnet, erscheint erotisch aufgehübscht und um feminine Nuancen veredelt. Das taugt für ordentliche Späße, aber ob aus Jess eine Heldin mit eigener Agenda werden kann, bleibt abzuwarten.

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