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Film „Das Purpurmeer“ auf Arte : Requiem für das Mädchen mit der Wollmütze

  • -Aktualisiert am

Kein Horizont, nirgends: Amel Alzakouts Bilder von ihrem Überlebenskampf. Bild: ZDF/Amel Alzakout

Schiffbruch der Zivilisation: Die Syrerin Amel Alzakout nimmt uns mit auf ihre lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer. Sie zeigt die Ungewissheit zwischen Leben und Tod.

          3 Min.

          „Ich filme diese Reise für dich.“ Etwas stimmt nicht an dem Satz, stößt auf. Es ist die Harmlosigkeit des Wortes „Reise“, seine innere Freundlichkeit. Leuchtend wie das Blau des Meeres. Reisen kennen wir schließlich alle, denken an verkochte Bordmenüs, Nackenstützen, glucksende Kinder am Tablet. Mit der Reise fängt der Urlaub an. Doch wenn hier der Satz fällt, strampeln Hunderte Menschen voller Angst vor Lesbos im leuchtend blauen Meer. Die Sprecherin, die syrische Künstlerin Amel Alzakout, hat aber nicht die Unwahrheit gesagt: Sie filmt. Mit einer Unterwasserkamera hält sie fest, wie eine Reise auch aussehen kann im 21. Jahrhundert und wie sie leider oft endet.

          „Das Purpurmeer“ ist ein radikaler Film, Videokunstwerk, poetisches Requiem und erschütternd authentische Dokumentation zugleich. Er unterscheidet sich stark von all den Reportagen, die engagierte Filmemacher auf Booten von Seenotrettern gedreht haben und die im besten Fall subjektive Objektivität erreichen. Hier handelt es sich von der ersten bis zur letzten Sekunde um objektive Subjektivität, um Perspektive in einer unausweichlichen Form. Und eben das überträgt sich beinahe verlustlos. Die Wirkung eines Schiffbruchs, den man auf solche Weise miterlebt, ist wuchtig. Es zeigt sich – und steht so ähnlich ja auch schon bei Schopenhauer –, dass Empathie nichts ist, für oder gegen das man sich entscheidet, keine Gutmenschentugend, sondern tief anthropologisch verankert, eine Wehrlosigkeit, die uns erst zu Menschen und die Zivilisation zur Zivilisation macht. Wer hier nicht mitfühlt, muss ein Stein sein.

          Anschauen wäre das falsche Verb für die Rezeption dieses Films, der in einer einzigen Einstellung „gedreht“, nämlich am Handgelenk mitgeschnitten wurde; unbeabsichtigt, wie Amel Alzakout in Interviews sagte: Sie habe beim Auseinanderbrechen des Bootes die Kamera wohl nicht ausgeschaltet. Man muss sich den 66 langen Minuten vielmehr aussetzen. Bild und Ton sind eine Qual, da helfen auch die leuchtenden Farben nicht. Dramatisch chaotisch geht es bereits los: Der Horizont steht Kopf, ein offenbar kenterndes Boot ist schräg zu sehen. Dann befindet sich eine Hand direkt vor der Linse, eine Schwimmweste, Schreie, das Gellen der Notpfeifen und Übersteuerungen füllen die Tonspur. Plötzlich wird es stiller, trügerisch still, denn hinter dem Blubbern sind die Schreie und Pfiffe noch leise zu hören.

          Die Ungewissheit zwischen Leben und Tod

          Die Kamera befindet sich unter der Wasseroberfläche, wo sie die meiste Zeit bleiben wird: Beine in einer Jogginghose sieht man, eine andere Hand schwebt durchs Bild, mit einem Ring diesmal, Jeansbeine, Schnüre und Gürtel, Turnschuhe, ein Handy in einer wasserdichten Hülle. So geht es nun eine ganze Stunde weiter (tatsächlich trieben die Schiffbrüchigen am 28. Oktober 2015 sogar vier Stunden im Wasser). Hin und wieder durchbricht die Kamera die Wasseroberfläche, fängt Eindrücke von Menschen ein, die sich an Bootsreste klammern. Zu einem Kunstwerk wird der Mitschnitt durch das Einziehen einer weiteren Ebene. Aus dem Off spricht die Regisseurin zu uns und zu sich, reduziert, aber stark in der Wirkung. In mal melancholischen, mal trotzigen Sätzen reflektiert sie über Kindheit und Krieg. Sie spricht – ganz individuell und doch paradigmatisch – über Gründe und Umstände der Flucht. Da ist viel Vertrautes. Den hilflos in dieser Bilderkatastrophe treibenden Zuschauern bieten diese Sätze Halt.

          Nehmen wir etwa die nur angedeutete Liebesgeschichte, die in Istanbul spielt: „In Syrien hätten wir uns vielleicht nie getroffen.“ Der Mann kann mit dem Flugzeug nach Berlin ausreisen und lebt dort in einer Flüchtlingsunterkunft. Er deutet an, zurückkommen zu wollen, aber es gibt in Syrien kein Zurück mehr. Also macht auch die Erzählerin sich auf. Ohne Flugticket muss sie über das Meer: „Ich treffe den Schmuggler. Er ist Filmproduzent.“ Lange hielten die Flüchtenden an der Illusion einer Reise fest, machten Selfies vor der Abfahrt: „Ich mache auch eines.“ Ein Mädchen mit Wollmütze lächelte die Erzählerin an: „Ich kann die Berge auf der anderen Seite sehen.“ Im Wasser um ihr Leben bangend, malt diese sich aus, wie es sich in Berlin lebt; dann wieder stellt sie sich vor, wie sie es nicht schafft.

          Entstanden ist der Film in Kooperation mit dem syrischen Regisseur Khaled Abdulwahed, der sich schon länger damit auseinandersetzt, dass der Krieg in Syrien zu guten Teilen ein Krieg der Bilder ist. Und eine Bilderflut macht blind, weiß Abdulwahed, denn das Schreckliche kann sich zwischen ihnen verbergen. So hat er im Film „Jellyfish“ (2015) die anmutigen Schwimmzüge einer Qualle gezeigt, weil er sich vorstellen mochte, dass dies die letzten Eindrücke waren, die drei ertrunkene junge Mädchen aus unserer Welt mitgenommen haben.

          Der gegenwärtige Film zeigt nicht das Sterben, sondern die Ungewissheit zwischen Leben und Tod. Es gab nicht genug Schwimmwesten für alle. Aber auch mit Weste ist niemand sicher. Den tragischen Höhepunkt erreicht der Film nach dem Eintreffen des Helikopters, aus dem die Rufenden lediglich gefilmt werden. Eine Frau schreit, weil sie nicht weiß, ob das Mädchen in ihren Armen, das mit der Wollmütze, noch lebt. „Ich wende mich ab“, heißt es dezent. Wir wissen nicht sicher, ob das Mädchen gestorben ist, aber 42 Menschen sind ertrunken. Es ist ein Boot von unzählig vielen, aber das erste, mit dem wir alle kentern.

          Das Purpurmeer, an diesem Montag um 23.30 Uhr auf Arte

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