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Amazon-Versandzentrum : Achtundzwanzig Kilometer in vierzehn Stunden

  • -Aktualisiert am

Regale, so weit das Auge reicht: Algorithmen schicken im Fulfillment Center in Phoenix, Arizona, „Picker“ und „Packer“ in das Labyrinth der Ware. Bild: AP

Wie sieht es aus, wenn ein Computer gnadenlos den Arbeitsrhythmus von Hunderten taktet? Amazon verkauft den Anblick als Sehenswürdigkeit und führt durch sein Versandzentrum in Phoenix. Ein Besuch.

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          Hinter den Metalldetektoren am Eingang des Amazon Fulfillment Centers PHX6 in Phoenix herrscht eine Atmosphäre emsiger Betriebsamkeit: In der Lagerhalle, so groß wie fünfzehn Fußballfelder, werden Abertausende Artikel auf Laufbändern, in Rollwagen, in Menschenhänden und Pappkartons hin- und herbewegt. Wie in einem futuristischen Vergnügungspark flitzen über Kopf zigtausend gelbe Plastikwannen auf einem komplizierten System von Laufbändern durch die enorme Halle. Horden von Paketen in allen möglichen Größen rattern über Rollen, werden auf einen Abzweig geleitet und purzeln gewundene Rutschen hinab zu einer von Hunderten Laderampen. Eine atemberaubende Menge von Kram wird hier angeliefert, einsortiert, aussortiert, verpackt und wieder verschickt.

          „Wow“, sagt eine Besucherin, die den Kopf in den Nacken gelegt hat und das Schauspiel andächtig bestaunt. „Beeindruckend, nicht wahr?“, fragt Lisa Guinn mit einem Lächeln und treibt dann mit ausgestreckten Armen die Dame und zwei Dutzend weitere Menschen zwischen die grünen Linien am Boden, die eine Art Sicherheitszone für Fußgänger markieren. Lisa Guinn führt eine Besuchergruppe durch dieses Packzentrum des Versandhausriesen. Die Nachfrage ist so groß, dass die Touren immer mehrere Monate im voraus ausgebucht sind. „Wir lieben Amazon, wir wollten uns das unbedingt mal anschauen“, sagt die Dame, die mit drei Freundinnen gekommen ist und sich schon im vorvergangenen März angemeldet hat.

          Keine menschlichen Vorgesetzten

          Unter den surrenden Laufbändern erstrecken sich kilometerweit Regalreihen, in deren unzähligen Schubladen und Fächern die Dinge lagern, die Amazon-Kunden per Mausklick bestellt haben: Barbiepuppen und Gartenschlauchdüsen, Kaffeepakete und Buntstifte und Taschenlampen, Ellenbogenschoner und Traumfänger und DVDs. Achtzehn Millionen Artikel, jeder einzelne mit einem Barcode versehen, werden hier in PHX6 herumgeschubst, neue und gebrauchte Dinge, Waren von Amazon und von Drittanbietern und fast ausschließlich Objekte, die nicht größer sind als eine DIN-A4-Seite. „Rasenmäher und Fernseher“, erklärt Lisa Guinn, „werden in einem anderen Versandzentrum bearbeitet.“

          Die größeren Artikel werden in einem anderen Lager aufbewahrt – hier ist nur für die kleinen Platz.
          Die größeren Artikel werden in einem anderen Lager aufbewahrt – hier ist nur für die kleinen Platz. : Bild: AP

          Durch die Regalreihen eilen sogenannte Picker, Mitarbeiter in gelben Sicherheitswesten, die mit Hilfe elektronischer Scanner Artikel einsammeln und in den gelben Wannen zu den Packern schicken. Die wiederum verstauen die Artikel in Pakete und leiten sie weiter zum Versand. Picker und Packer haben keine menschlichen Vorgesetzten, die ihre Wege und Handgriffe dirigieren. Die Arbeiter, Wannen, Laufbänder und Pakete werden von einem hausintern entwickelten Computeralgorithmus gelenkt. Der Computer setzt die Millionen gescannter Barcodes zu einem möglichst effizienten Versandsystem zusammen – und erteilt den Menschen, die hier arbeiten, Handlungsanweisungen. Amazon ist stolz auf seine leistungsstarke elektronische Infrastruktur. Lisa Guinn beeilt sich trotzdem zu bekräftigen: „Unsere Mitarbeiter sind Herz und Seele des Betriebs, ohne sie ginge hier nichts.“

          Wasserhähne lagern neben SD-Speicherkarten

          Nüchtern betrachtet, sind die Mitarbeiter, die man bei Amazon „associates“ nennt, was in etwa „Partner“ bedeutet, nur mehr Handlanger eines gigantischen Computerhirns. Das Hirn hat unter anderem errechnet, dass eine zufällige Ablage der Artikel effizienter ist als eine sorgfältige Sortierung – weil das in der hunderttausend Quadratmeter messenden Halle die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ein Picker seinen nächsten Artikel in der Nähe des vorherigen findet. So lagern Wasserhähne neben Baseballhandschuhen und SD-Speicherkarten. Eingehende Artikel werden von den Stowers, den Lagerern, dort im Regallabyrinth untergebracht, wo gerade Platz ist.

          Lisa Guinn weist am Ende einer Regalreihe lächelnd in einen Gang, dessen Ende man nicht erkennen kann. Er verengt sich einfach in der Ferne zu einem Punkt. Es ist ein schwindelerregender Anblick. Die Gruppe versammelt sich unter einer Reihe riesiger Buchstaben an der Wand: „Work hard. Have fun. Make history“, steht da wie ein Slogan aus „Schöne neu Welt“: Arbeitet hart, habt Spaß, schreibt Geschichte.

          Nur der Computer hat den Überblick und schickt die Mitarbeiter durch die Halle.
          Nur der Computer hat den Überblick und schickt die Mitarbeiter durch die Halle. : Bild: Picture-Alliance

          1500 Menschen arbeiten hier hart. Zehn- bis Zwölfstundenschichten in einer viertägigen Arbeitswoche sind die Regel. Derzeit heuert Amazon in Phoenix viertausend zusätzliche Saisonarbeiter an für das Weihnachtsgeschäft und den bevorstehenden Cyber Monday. So nennt der Online-Händler den Montag nach Thanksgiving Ende November, an dem er mit Rabattaktionen in die härtesten und umsatzstärksten Verkaufswochen des Jahres startet. Wer als Arbeiter anheuern will, muss „willens und fähig sein, bis zu zwölf Stunden zu stehen und zu gehen, alle Schichten und nach Bedarf Überstunden zu arbeiten“, steht auf der Amazon-Website. Mitarbeiter legen hier schon mal 28 Kilometer in einer Vierzehnstundenschicht zurück, berichtet Anthony, der unsere Tour begleitet. Der Dreißigjährige arbeitet seit sechs Jahren in PHX6.

          Nach „have fun“ klingt das nicht gerade. Geschichte dagegen hat Amazon-Chef Jeff Bezos geschrieben. 1994 hat er in einer Garage in Seattle begonnen, Internetbestellungen für Bücher anzunehmen. Seitdem hat er eine längst nicht mehr auf Bücher angewiesene Konsum-maschinerie entwickelt, die einer zunehmend impulsgetriebenen Kundschaft die Erfüllung ihrer Wünsche in kürzester Zeit verspricht. Amazon will die „weltweit größte Auswahl“ bieten. Dazu braucht das Unternehmen die Sortimente anderer. Etwa vierzig Prozent der Artikel, die der Onlinehändler verschickt, stammen von Drittanbietern. Zwei Millionen Händler, heißt es, verkaufen auf der Website mit 250 Millionen Kunden weltweit gegen Gebühr ihre Waren. An der Tour durch das Lager in Phoenix nehmen auch ein paar junge Verkäufer teil, die sich einen Einblick ins Amazon-Getriebe verschaffen wollen.

          426 Artikel pro Sekunde

          Wir steigen eine Treppe hinauf in den ersten Stock, wo die verpackten Artikel mit Adressaufklebern versehen und die Pakete auf ihr Gewicht geprüft werden – alles gelenkt von Barcode-Scans. Stimmt etwas nicht, leitet ein Förderband mit Rollen das Paket auf eine Ausfahrt zu einem menschlichen „problem solver“, einem Problemlöser.

          Es ist abzusehen, dass die Picker und Packer und Problem Solver eines Tages überflüssig werden. Bis dahin müssen sie mit der eisernen Effizienz der Computer mithalten. „36,8 Millionen Artikel am Cyber Monday bestellt“, verkündet ein Schild an einer Säule. „426 Artikel pro Sekunde am Cyber-Monday verschickt“, prahlt ein anderes. Was die Mitarbeiter leisten, um das zu ermöglichen, lässt sich nur ahnen.

          Alles durcheinander: Das Zufallsprinzip ist effizienter als eine Sortierung der Waren.
          Alles durcheinander: Das Zufallsprinzip ist effizienter als eine Sortierung der Waren. : Bild: AP

          Man sieht zwar niemanden durch die Gänge hetzen. Rennen ist sogar verboten. Aber die Barcodes und Scanner takten nicht nur den Warenfluss. Sie vermessen die Leistung der Angestellten. Die beiden Frauen, die im Obergeschoss kleinere Artikel in luftgepolsterte Umschläge stecken und diese etikettieren, arbeiten mit den knappen, zügigen Bewegungen von Fließbandarbeiterinnen. Sie würdigen die neugierigen Besucher keines Blickes. Wer zu langsam arbeitet, wird aussortiert, denn das Geschäftsmodell von Amazon toleriert keinen Verzug Nichts fürchtet der Konzern so sehr wie Stockungen und Unterbrechungen in seiner Warenlieferkette.

          Streiks wie in Deutschland hat es in amerikanischen Amazon-Zentren noch nicht gegeben, auch wenn in den Vereinigten Staaten die Kritik an den Arbeitsbedingungen wächst. Es gibt genug Saisonkräfte, die gerne bei dem Versandhändler unterschreiben. Das System läuft. „Wir haben zahlreiche Redundanzen in unseren Computersystemen“, sagt Lisa Guinn auf die Frage nach einem Blackout, „einen Computerausfall gibt es praktisch nicht.“ Ein Stromausfall nach einem schweren Gewitter im vergangenen Sommer legte PHX6 nur drei Stunden lahm, sagt sie, „dann lief alles wieder“. Schlimmstenfalls könne man Bestellungen in anderen Lagern abwickeln lassen. Die Drucker und Scanner und Laufbänder klackern, fiepen und rattern vor sich hin. Ein paar Angestellte mit weißen Teilzeit- und blauen Vollzeit-Arbeitsausweisen um den Hals kommen um die Ecke und greifen sich von einem Regal auf Rädern einen Scanner. „Was macht man hier eigentlich in der Pause?“, will ich von Anthony wissen. „Geht man vor die Tür und schnappt ein bisschen frische Luft?“ Er grinst. „In der Pause“, sagt er, „willst du einfach nur sitzen.“

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